Stammzellen aus Nabelschnurblut:
Anwendung in der Therapie

In Kürze
In 20 Jahren vom Experiment zur Routine - Stammzellen aus der Nabelschnur haben sich im Eiltempo durch­gesetzt. Bislang meist für Leukämien eingesetzt, sollen sie in Zukunft viele andere Krankheiten heilen. Doch bislang sind diese neuen Therapien noch im Versuchsstadium.

Einlagerung von Nabelschnurblut

Nabelschnurblut-Stammzellen helfen leukämiekranken Kindern, aber auch erwachsenen Patienten
Nabelschnurblut-Stammzellen kann man jahrelang in flüssigem Stickstoff einfrieren, bevor man sie zur Behandlung von Krankheiten verwendet.
1989 wurden diese Stammzellen erstmals eingesetzt: Ein Junge mit Fanconi-Anämie - einer schweren Erbkrankheit - erhielt die Nabel­schnur-Zellen seiner unbelasteten Schwester. Das Ex­periment verlief erfolgreich - der Junge lebt heute noch.
Doch ihren Durchbruch erlebten die Nabelschnur-Stammzellen bei der Behandlung von Blutkrebs. Bis 2008 ist die Zahl der Transplantationen auf 14 000 angewachsen - die meisten waren erfolgreich. Bei Leukämien im Kindesalter bilden nun sie einen Hauptpfeiler der Behandlung, und seit 1994 profitieren auch Erwachsene von ihnen (allerdings nur im Notfall).
Nabelschnur-Stammzellen haben viele Vorteile. Sie sind sehr tolerant und neigen seltener dazu, den Körper des Empfängers zu attackieren - ein häufiges Problem bei Transplantationen.
Die Auswahlkriterien für mögliche Spender sind nicht ganz so streng, und die eingefrorenen Proben sind sofort verfügbar. Dank ihrer Jugend wachsen sie gut und weisen weniger Defekte in ihrem Erbgut auf. Bei Kindern bilden sie daher eine gute Alternative zur Trans­plantation von Knochenmark.

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In Kürze

  • Stammzellen aus Nabelschnurblut sind ein Hauptpfeiler der Therapie von leukämiekranken Kindern
  • im Nabelschnurblut sind meist zu wenig Stammzellen für die Therapie von erwachsenen Leukämie-Patienten
  • angeborene Anämien, Immunschwächen und Stoffwechsel­störungen können ebenfalls mit Nabelschnur-Stammzellen behandelt werden
  • alle anderen Therapien mit Stammzellen befinden sich in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung
  • für die Einlagerung von Nabelschnurblut bei privaten Anbietern fehlen die Anwendungen
Ein großer Nachteil verhindert eine noch breitere Anwendung: Die Nabelschnur enthält nur wenig Blut, und somit auch nur wenige Stammzellen. Die Erfolgsaussichten einer Transplantation sind aber umso größer, je mehr Zellen verabreicht werden. Bei erwachsenen Patienten kann es eng werden: Es dauert zu lange, bis das Immunsystem wieder aufgebaut ist, und bis dahin kann der Körper den Krankheits-Erregern wenig entgegensetzen.
In Forschungs-Laboren kann man Nabelschnur-Stammzellen vermehren, doch diese Methoden sind noch nicht reif für den medizinischen Alltag. Seit kurzem behilft man sich, indem man erwachsenen Patienten zwei Nabelschnurblut-Präparate zugleich gibt. Doch bleibt dies eine Notlösung, wenn kein geeigneter Spender gefunden wurde. Für Erwachsene bleibt Knochenmark die optimale Lösung1.
Neben Leukämien werden eine Reihe von seltenen Erbkrank­heiten wie Anämien, Immunschwächen und Stoff­wechsel­störungen mit Nabelschnurzellen behandelt. Doch viele Therapien sind noch in der Entwicklungsphase, und oft nicht unproblematisch: Die Todesraten bleiben zum Teil sehr hoch.
All diese Krankheiten werden fast ausschließlich mit körper­fremden Stammzellen behandelt. Leukämien bilden sich manchmal sehr früh und könnten auch schon das Nabelschnur-Blut befallen. Und bei Erbkrankheiten sind körpereigene Stammzellen machtlos - sie tragen den gleichen Gendefekt. Daher sind kaum mehr als 200 Fälle bekannt, bei denen eigenes Nabelschnurblut verwendet wurde2. Obwohl private Nabelschnur-Banken eine Einlagerung anbieten: Für den Einsatz körpereigener Stammzellen fehlen bislang die Anwendungen3.
Das soll sich in Zukunft ändern. Vor allem amerikanische Forscher versuchen, das Feld voran zu treiben. So erhielten in Florida 23 Kleinkinder, bei denen beginnende Diabetes diagnostiziert wurde, eine Behandlung mit eigenem Nabelschnurblut. Bei manchen Kindern dauerte es danach länger, bis zusätzliche Insulingaben notwendig wurden; doch eindeutig sind die Ergebnisse nicht, und die Forscher selbst halten mehr Versuche für notwendig, um die Wirksamkeit der Therapie endgültig zu beurteilen4.
Andere Versuche laufen nach Schädigungen des Gehirns. In North Carolina gibt es eine Studie mit 50 Kinder, die an Zerebralparese leiden (schwere Lähmungen verursacht durch Hirnschäden). Und in Texas werden Kinder, die durch Unfälle schwer am Kopf verletzt wurden, mit eigenen Stammzellen behandelt5. In beiden Fällen scheinen einzelne Kinder auf die Behandlung anzusprechen, doch auch hier ist es noch viel zu früh, um sichere Prognosen zu wagen. Zum Vergleich: Bei Medika­menten müssen oft tausende Patienten untersucht werden, bevor ihre Wirksamkeit anerkannt wird.
Aus Nabelschnurblut lassen sich sehr gut iPS-Zellen herstellen. Diese Stammzellen gleichen embryonalen Zellen und haben fast unbegrenzte Entwicklungsmöglichkeiten. Doch iPS-Zellen lassen sich aus allen Körperzellen herstellen, auch noch bei Erwachsenen. Und ob iPS-Zellen sich wirklich für die Therapie von Menschen eignen, ist noch immer fraglich.
Weltweit lagern mehr als 450 000 Nabelschnur-Proben in flüssigem Stickstoff, Tendenz steigend. Zum Glück - dies wird viele Menschen von ihrem Blutkrebs erlösen. Doch was die Stammzellen aus der Nabelschnur sonst noch können, wird erst die Zukunft zeigen.
1 Smith et al., Alternative haematopoietic stem cell sources for transplantation: place of umbilical cord blood, Br. J. Haematol. 2009, vol. 147, pp. 246-61 (link)
2 Stand Ende 2009; F. Verter, Parent's Guide to Cord Blood Foundation (link)
3 Reimann et al., Stammzellen aus Nabelblut in der Transplantations- und regenerativen Medizin, Dt. Ärzteblatt 2009, vol. 106 pp. 831-6 (link)
4 Haller et al., Autologous umbilical cord blood transfusion in very young children with type 1 diabetes, Diabetes Care 2009, vol. 32, pp. 2041-6 (link)
5 Copeland et al., Human umbilical cord blood stem cells, myocardial infarction and stroke, Clinical Medicine 2009, vol. 9, pp. 342-5 (link)
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