Immuntherapien bekämpfen Krebs

     

Immunzellen können Krebs wirkungsvoll bekämpfen - wenn sie dessen Abwehr überwinden. Neue Therapien helfen, Bremsen zu lösen und Krebszellen sichtbar zu machen.

30 Menschen im Endstadium von Blutkrebs - eine Immuntherapie rettet mehr als die Hälfte vor dem scheinbar sicheren Tod1. 94 Patienten mit fortgeschrittenem Hautkrebs - etwa ein Drittel überlebte2. Andere Studien vermelden ähnliche Erfolge, und viele Experten reagieren begeistert. Die geduldige Erforschung des Immunsystems trägt Früchte: Die neuen Therapien basieren direkt auf diesen Erkenntnissen.

Immuntherapien

Zuvor hatten Forscher lange geglaubt, dass das Immunsystem dem Krebs meist machtlos gegenüber steht. Doch dann entdeckten sie, dass Krebszellen dank zwei raffinierter Strategien der Überwachung entkommen. Krebszellen verändern sich so lange, bis sie sich äußerlich kaum von normalen Zellen unterscheiden und für das Immunsystem fast unsichtbar werden (dieser Prozess heißt Immun-Editing). Und sollte ihre Tarnung mal versagen, senden sie hemmende Signale aus, die den Angriff der Immunzellen abblocken (Immunevasion genannt).

Enttarnte Krebszellen

Forscher arbeiten seitdem daran, die getarnten Krebszellen für das Immunsystem sichtbar zu machen. Spezifische Antikörper wie Rituximab (Handelsname MabThera) haften sich an den Krebs an, wodurch das Immunsystem sie erkennen und beseitigen kann. Ein alternativer Ansatz (Handelsname Provenge) behandelt Blutzellen des Patienten im Labor mit einem Protein, das beim Aufspüren von Prostatakrebs helfen soll. Beide Therapien haben aber ihre Grenzen: Antikörper sind nur bei wenigen Krebsarten hilfreich, und die Erfahrungen mit Provenge verliefen bislang eher enttäuschend.

Die größten Hoffnungen liegen daher im Moment auf einem dritten Verfahren: einer Kombination von Immun- und Gentherapie. Immunzellen des Patienten werden mit einem maßgeschneiderten Sensor ausgestattet, der Krebszellen erkennt und deren Beseitigung ermöglicht. Diese sogenannten CAR-T-Zellen werden erst in wenigen Forschungszentren getestet, aber die ersten Versuche verliefen vielversprechend. Die anfangs erwähnten Erfolge beim Blutkrebs wurden mit CAR-T-Zellen erzielt1.

Allerdings lösen CAR-T-Zellen schwere Nebenwirkungen aus: Das Immunsystem kann dabei überschießen und schwere Entzündungen auslösen, die sogar zum Tode führen können. Ein weiteres Problem stellt auch die Herstellung der CAR-T-Zellen dar: Arbeitseinsatz, Zeitaufwand und damit auch die Kosten sind bislang sehr hoch. Doch Forscher sind zuversichtlich, diese Hürden bald überwinden zu können3.

Checkpoint-Hemmer lösen die Blockade

Damit bleibt noch das Problem der Immunevasion: Selbst wenn der Krebs erkannt wird, kann er den Angriff vereiteln und die Immunzellen lahmlegen. Auch hier haben Forscher eine Lösung gefunden. Sie identifizierten die blockierenden Signale und entwickelten Wirkstoffe, die die Immunzellen wieder aktiv werden lassen. Die ersten dieser sogenannten Checkpoint-Hemmer haben schon ihren Weg in die Klinik gefunden.

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Auch bei den Checkpoint-Hemmern handelt es sich um spezielle Antikörper. Sie binden an die Oberfläche der Immunzellen und verhindern, dass die negative Signale der Krebszellen aufgenommen werden. Der erste Wirkstoff dieser Art, Ipilimumab (Handelsname Yervoy), wurde im Jahr 2011 für die Behandlung von fortgeschrittenem Hautkrebs zugelassen. Allerdings sind die Nebenwirkungen so erheblich, dass manche Ärzte vor einer Anwendung zurückschrecken4.

Ein anderer Checkpoint-Hemmer mit Namen Nivolumab ist bereits in den USA und Japan auf dem Markt: Er hat eine ähnliche Wirksamkeit, aber erste Studien deuten an, dass die Nebenwirkungen deutlich geringen ausfallen könnten. Für Europa wurde die Zulassung erst im September 2014 beantragt5, das erste Ziel soll die Behandlung von Lungenkrebs sein.

Nachteil: Hohe Kosten

Neben den Nebenwirkungen haben Checkpoint-Hemmer noch einen weiteren gravierenden Nachteil: Die Kosten sind außerordentlich hoch. Zumindest anfangs schlug eine Therapie mit Ipilimumab in Deutschland mit etwa 100 000 Euro zu Buche6, und in Japan sollen die Behandlung mit Nivolumab jährlich über 140 000 US-Dollar kosten7. Dazu ist noch unklar, wie lange die Wirkung der Checkpoint-Hemmer anhält. Im ungünstigsten Fall müssten sie ein Leben lang genommen werden.

Allen Nachteilen zum Trotz - Immuntherapien stehen offenkundig kurz vor dem Durchbruch. Ihre Entwicklung hat auch lange genug gedauert: Die ersten Versuche lassen sich in das Jahr 1891 zurückverfolgen. Damals begann der US-amerikanische Arzt William Coley, das Immunsystem von Krebspatienten mit Bakterien zu stimulieren - mit Heilerfolgen, die sich durchaus mit heutigen Therapien messen können8. Doch ab den 1950er Jahren drängten die Bestrahlung und später die Chemotherapie diesen Ansatz immer weiter in den Hintergrund. Erst in den 1990er wandten sich Forscher wieder verstärkt den Immuntherapien zu und haben bislang etwa ein halbes Dutzend Medikamente zur Marktreife verholfen.

Die meisten Experten glauben allerdings nicht, dass sich Immuntherapien als eigenständige Behandlung durchsetzten werden. Die Krebstherapie der Zukunft wird wohl auf vielen Pfeilern ruhen. Traditionelle Methoden, neuartige Immuntherapien und zielgerichtete Medikamente - all diese Ansätze greifen den Krebs an unterschiedlichen Stellen an. Eine sinnvolle Kombination dieser Ansätze hätte das Potential, dem Krebs viel von seinem Schrecken zu nehmen.

1 Maude et al., Chimeric Antigen Receptor T Cells for Sustained Remissions in Leukemia, N. Engl. J. Med. Oktober 2014 (link)
2 Topalian et al., Safety, Activity, and Immune Correlates of Anti-PD-1 Antibody in Cancer, N. Engl. J. Med. Juni 2012 (link)
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Immuntherapien

Krebszellen können dem Immun­system ausweichen, doch neue Therapien lösen die Bremsen oder machen den Krebs sichtbar.
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Kurz und knapp 

  • Krebszellen können durch Immun-Editing für das Immunsystem unsichtbar werden
  • maßgeschneiderte Antikörper machen die getarnten Krebszellen wieder sichtbar
  • CAR-T-Zellen wurden mit Methoden der Gentherapie verändert, um getarnte Krebszellen erkennen zu können
  • Krebszellen senden Signale aus, die den Angriff der Immunzellen blockieren
  • Checkpoint-Inhibitoren heben diese Blockade auf und ermöglichen die Beseitigung der Immunzellen
  • maßgeschneiderte Antikörper und Checkpoint-Inhibitoren sind bereits zugelassene Medikamente, CAR-T-Zellen befinden sich noch in der Testphase
  • Nachteile der Immuntherapien sind starke Nebenwirkungen und hohe Kosten