Embryonale Stammzelltherapien - erste Studien am Menschen

     

Embryonale Stammzelltherapien sind ungefährlich - sagen zumindest die ersten Studien. Doch es bleibt unklar, ob die Therapien auch wirkungs­voll sind.

Der erste Mensch, der eine Therapie mit embryonalen Stamm­zellen erhielt, lag in einer Spezialklinik im US-amerikanischen Atlanta. Er war erst seit wenigen Tagen querschnittsgelähmt, als Ärzte die Zellen in sein Rückenmark transplantierten1. An diesem Tag im Oktober 2010 startete ein Experiment, dessen Ausgang ungewiss war: Niemand konnte mit Sicherheit ausschließen, dass die embryonalen Zellen Krebs erzeugen.

Erste Versuche am Menschen

Es dauerte noch fast vier Jahre, bis das Ergebnis veröffentlicht wurde2. Die Stammzellwelt atmete kollektiv auf - es fanden sich keinerlei Anzeichen von Krebs. Weder beim ersten Patienten noch bei vier weiteren Querschnitts­gelähmten, die etwas später operiert worden waren. Kurz darauf gab eine Studie mit Blinden ebenfalls Entwarnung: Insgesamt 18 Personen hatten eine embryo­nale Stammzelltherapie erhalten, und bei keinem einzigen traten Probleme auf.

Krebs ist ein langfristiges Risiko

Dabei war die Angst vor Krebs wohl begründet. Embryonale Stammzellen sind äußerst wachstumsfreudig und mitunter schwer zu kontrollieren. Die Fähigkeit, eine bestimmte Art von Tumor zu bilden, gilt sogar als eines ihrer Erkennungszeichen. Im streng wissenschaftlichen Sinne hat deshalb auch keiner der Patienten embryonale Zellen erhalten: Transplantiert wurden weiter entwickelte Gewebezellen, die im Labor aus embryonalen Stammzelllinien gezüchtet wurden. Bei dieser Entwicklung verlieren die Zellen ihre ursprüngliche Wandlungsfähigkeit (oder Pluripotenz), und das Krebsrisiko sinkt auf ein vertretbares Maß.

So beruhigend die ersten Studien sind, das letzte Wort in puncto Sicherheit sind sie wahrscheinlich nicht. Dafür erwarten Wissenschaftler Studien, die deutlich größer sind und mehr als die bisher etwa 20 Testpersonen umfassen. Selbst bei den bislang behandelten Patienten ist die Gefahr noch nicht vorüber: Solange die embryonalen Zellen im Körper überleben - und das ist vermutlich lebenslang - bleibt auch das Krebsrisiko bestehen. Das endgültige Urteil, ob embryonale Stammzelltherapien sicher sind, wird wohl erst in vielen Jahren fallen.

Erste Heilerfolge bei Querschnittslähmung?

Waren die Stammzelltherapien wirksam? Diese Frage ist noch schwerer zu beantworten. Aus ethischen Gründen wird jede neuartige Therapie an Patienten getestet, deren Krankheit sich in einem fast unheilbaren Spätstadium befindet. So auch bei diesen Stammzelltherapien.

Die Chancen, dass experimentelle Therapien schwerkranken Patienten helfen, sind daher von vornherein sehr gering. Dennoch glaubte die Biotechfirma Asterias - verantwortlich für die Studie mit den Querschnittsgelähmten - erste positive Anzeichen zu erkennen. Zumindest sei der weitere Verfall des Rückenmarks verlangsamt worden. Alle fünf Patienten bleiben jedoch an den Rollstuhl gefesselt, und zusätzliche Bewegungs­freiheit haben sie auch nicht gewonnen.

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Vollmundiger in ihren Ankündigungen war das Astellas Institute for Regenerative Medicine (AIRM, damals noch Ocata), welche die embryonale Stammzelltherapie gegen Erblindung entwickelt hatte3. Bei etwa der Hälfte der Patienten habe sich die Sehkraft deutlich verbessert - eine Behauptung, die ein großes Medienecho ausgelöst hat. Experten stehen dieser Behauptung jedoch sehr skeptisch gegenüber. Und auch die Firma musste einräumen, dass dieser Erfolg andere Ursachen als die Stammzelltherapie haben kann.

Diabetes, Altersblindheit und Herzerkrankungen

Das wesentliche Ziel ist dennoch erreicht: Die Angst, dass embryonale Stammzelltherapien Krebs auslösen, ist zumindest vorerst besänftigt. Beide Firmen können daher ungestört die Fortsetzung ihrer Studien vorbereiten. Andere Firmen haben es nun ebenfalls leichter, ihre Projekte von den Gesundheits­behörden genehmigen zu lassen.

Die US-amerikanische Firma ViaCyte hat den ersten Schritt bereits getan. Im Oktober 2014 wurde erstmals eine embry­onale Stammzelltherapie gegen Typ-1-Diabetes am Menschen getestet4. Der Patient erhielt eine Kapsel unter die Haut verpflanzt, in der sich Vorläuferzellen für die Bauch­speichel­drüse befanden. Diese sollen Insulin produzieren und die Zuckerwerte im Blut regulieren. Geplant ist, dass insgesamt 40 Patienten an dieser Studie teilnehmen.

Das unabhängige London Project to Cure Blindness will - ähnlich wie AIRM - eine embryonale Stammzelltherapie für die altersbedingte Makuladegeneration entwickeln. In Zusammenarbeit mit dem Pharmakonzern Pfizer wurde im August 2015 die erste Patientin behandelt, neun weiter sollen folgen6. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen die israelische Firma CellCure Neuroscience5, die Partner Regenerative Patch Technologies (RPT)/California Project to Cure Blindness (CPCB) und zwei unabhängige Arbeitsgruppen in China7.

Und auch bei koronaren Herzkrankheiten laufen erste Tests. In einer Pariser Klinik verwandelten Ärzte embryonale Zellen in Vorläuferzellen des Herzmuskels und fügten diese in eine Art Pflaster auf Protein-Basis ein. Während einer Herzoperation werden diese Pflaster auf erkranktes Gewebe aufgetragen, in der Hoffnung, dass dies den Heilungsprozess vorantreibt. Sechs Patienten sollen bereits behandelt worden sein7, das Ende der Studie wird aber nicht vor 2018 erwartet.

Trotz der Fortschritte - es ist nicht sicher, dass die Zukunft der Stammzelltherapie den embryonalen Zellen gehört. Die vor einigen Jahren entwickelten iPS-Zellen sind ähnlich wandlungs­fähig, doch für ihre Erzeugung müssen keine Embryonen zerstört werden. Ethische Bedenken, die den Einsatz embryo­naler Zellen umstritten machen, werden damit gegenstands­los. Im September 2014 startete der erste Test von iPS-Zellen am Menschen. Sollte er erfolgreich verlaufen, müsste sich embryonale Stammzellen auf starke Konkurrenz gefasst machen.

1 Pressemitteilung der Firma Geron, 11.10.2010 (link)
2 K. Servick, Tests of Embryonic Stem Cell Treatment Back on Track, Science 30. Mai 2014 (link)
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Erste Versuche am Menschen

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Kurz und knapp 

  • etwas mehr als 20 Patienten erhielten bislang eine embryonale Stammzelltherapie
  • behandelte Krankheiten waren Querschnitts­lähmung, Erblindung und Diabetes
  • die ersten Studien deuten an, dass von embryonalen Zellen kein übermäßiges Krebsrisiko ausgeht
  • die Wirksamkeit der Stammzelltherapien kann bislang nicht beurteilt werden