Nabelschnurblut bei Zerebralparese
Nabelschnurblut könnte Kindern mit frühkindlicher Hirnschädigung helfen. In Studien hat die Behandlung den Zustand einiger Kinder verbessert. Doch bevor sie allgemein angewendet werden kann, ist noch weitere Forschung nötig.
Stammzellen und Zerebralparese
Etwa 1 von 500 Kindern erleidet vor der Geburt oder in den ersten Lebensjahren eine Hirnschädigung. Diese kann eine Bewegungsstörung verursachen, die als Zerebralparese bezeichnet wird. Die Schäden im Gehirn und deren Folgen lassen sich bislang kaum rückgängig machen.
Seit etwa 20 Jahren erproben Forscher den Einsatz von Nabelschnurblut als mögliche Therapie. In einigen Studien schienen die Symptome der Zerebralparese etwas abzunehmen. Die Forschung in diesem Bereich ist jedoch noch in vollem Gange 1.
Was ist eine Zerebralparese?
Eine Zerebralparese kann unterschiedliche Ursachen haben und sich in unterschiedlicher Weise äußern. Gemeinsam ist allen Formen, dass sie auf eine frühkindliche Hirnschädigung zurückgehen und sich als Bewegungsstörung äußern.
Was können die Ursachen sein?
Im Einzelfall ist die Ursache meist nicht erkennbar. Viele Vorfälle und Erkrankungen können die Entwicklung des kindlichen Gehirns jedoch nachhaltig stören. Je nach Entwicklungszustand des Kindes kommen folgende Ereignisse infrage 2:
- Vor der Geburt: Genetische Einflüsse wie Genmutationen oder Veränderungen der Chromosomen. Äußere Einflüsse wie Infektionen mit Viren oder Bakterien, Strahlenbelastung, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Thrombosen oder Embolien.
- Während der Geburt: Längerer Sauerstoffmangel, der zu einer Zerstörung von Nervenzellen führt.
- In den ersten vier Lebensjahren: Gehirnhautentzündung, längerer Sauerstoffmangel infolge eines Unfalls, Schütteltrauma.
Welche Symptome können auftreten?
Schäden, die zu einer Zerebralparese führen, können in unterschiedlichen Gehirnregionen auftreten. Demzufolge können auch die Symptome unterschiedlich ausgeprägt sein.
Grundlegende Kennzeichen sind verlangsamte Bewegungen, veränderte Muskelspannung oder fehlerhafte Koordination der Bewegungsabläufe. In schweren Fällen können auch Sprache, Gehör, Sehfähigkeit und geistige Fähigkeiten beeinträchtigt sein.
Mediziner unterscheiden zwischen einzelnen Formen, die einzeln oder kombiniert auftreten können2:
- Stark erhöhte Muskelspannung, die zu einer Versteifung oder Lähmung der Gliedmaßen führt (Spastik).
- Abgehackte Bewegungen, Störungen im Gleichgewichtssinn und der Koordination (Ataxie).
- Unkontrollierte Bewegungen der Gesichtsmuskeln, die auch das Hör- und Sprachvermögen beeinträchtigen können.
- Verkrampfte und unwillkürliche, aber eher langsame Bewegungen der Gliedmaßen (Athetose).
Wie wird eine Zerebralparese behandelt?
Es gibt keine Therapie, die eine Zerebralparese vollständig heilen kann. Die Behandlung konzentriert sich daher meist darauf, die Bewegungsfähigkeit zu fördern und zu verbessern. Je nach Symptomen können auch weitere Therapien oder Medikamente sinnvoll sein. Mit den Maßnahmen sollte so früh wie möglich begonnen werden.
Folgende Therapien und Eingriffe können angebracht sein:
- Physiotherapie, z. B. nach dem Bobath-Konzept oder der Vojta-Methode, sowie manuelle Therapien
- Logopädie und Ergotherapie
- orthopädische Hilfsmittel
- Sport- und Rehabilitationsprogramme
- Medikamente, um die Muskelspannung zu lösen
Wie könnten Stammzellen helfen?
Bereits im Jahr 2005 wurde ein einjähriges Mädchen mit ihrem eigenen Nabelschnurblut behandelt, um die Folgen einer Zerebralparese zu lindern. Seitdem wurden zahlreiche weitere Stammzelltherapien getestet3. Doch was erhoffen sich Forschende von dieser Behandlung?
Tatsächlich ist bis heute unklar, auf welchem Weg die Zelltherapien wirken könnten. Ursprünglich hofften die Forschenden, dass die Stammzellen ins Gehirn einwandern und sich dort in Nervenzellen umwandeln. Dies gilt mittlerweile jedoch als sehr unwahrscheinlich.
Heute vermuten viele Forschende, dass die entzündungshemmende Wirkung von Stammzellen eine wichtige Rolle spiel. Hinweise, dass Entzündungsreaktionen an dem Krankheitsbild der Zerebralparese beteiligt sein könnten, stützen diese Vermutung.
Es ist möglich, dass die Nabelschnurzellen verschiedene Wachstumsfaktoren freisetzen, die die Heilung des Gehirns unterstützen. Der Fachbegriff für diesen Vorgang lautet parakriner Effekt. Er könnte
- die Entwicklung des Gehirns fördern
- über das Immunsystem eine heilende Wirkung haben
- die Bildung von Blutgefäßen anregen
Indirekt könnten diese Prozesse dazu beitragen, dass das Gehirn eine bessere Kontrolle über die Motorik erlangt. Auch wenn Versuche mit Tieren diese Hypothese stützen4, ist sie bislang noch nicht endgültig bewiesen.
Wie weit sind die Studien mit Nabelschnurblut?
Nabelschnurblut ist offiziell noch nicht als Therapie für Zerebralparese zugelassen. Bislang handelt es sich ausschließlich um experimentelle Studien, die eine mögliche positive Wirkung auf die Bewegungsfähigkeit der betroffenen Kinder untersuchen.
Der Erfolg der Therapie wird häufig mit einem standardisierten Test bestimmt: dem Gross Motor Function Measure (GMFM)-Score. Bei Kindern mit Zerebralparese besteht der GMFM-Test in der Regel aus 66 Fragen, mit denen die motorischen Fähigkeiten der Kinder eingestuft werden. Dabei wird das Verhalten beim Liegen, Sitzen, Krabbeln, Stehen und Laufen abgefragt.
Wichtige Impulse bei der Entwicklung geben zwei Forschungsgruppen aus den USA und Südkorea, die sich systematisch und verlässlich mit der Therapie der Zerebralparese befassen. Einen guten Überblick über den Stand der Forschung bieten auch sogenannte Metaanalysen, die die Ergebnisse unterschiedlicher Studien einheitlich zusammenfassen.
Duke-Universität, North Carolina – vier Studien mit etwa 300 Kindern
Der erste Einsatz von Nabelschnurblut erfolgte durch Joanne Kurtzberg an der Duke-Universität in North Carolina. Sie gilt als Pionierin auf diesem Gebiet. Die Behandlung mit eigenen Blutproben erfolgte im Rahmen einer klinischen Studie, an der 140 Kinder mit Zerebralparese teilnahmen. Die Studie wurde 2010 veröffentlicht. Das wichtigste Ergebnis: Die Behandlung mit eigenem Nabelschnurblut war sicher und verlief ohne schwerwiegende Nebenwirkungen. Ob sie aber auch wirksam war, blieb unklar.
Im Jahr 2017 sollte eine Folgestudie mit 63 Kindern diese Frage klären, doch auch deren Ergebnisse waren nicht eindeutig. Betrachteten die Forscher alle Kinder zusammen, verbesserte die Transplantation des eigenen Nabelschnurbluts die Symptome der Zerebralparese nicht signifikant. Allerdings schien es den Kindern, die eine höhere Dosis Nabelschnurblut erhalten hatten, danach deutlich besser zu gehen.
In einer Studie von 2021 wurde Nabelschnurblut verwendet, das von einem Geschwisterkind gespendet wurde. Auch hier zeigte sich bei 15 behandelten Kindern ein ähnliches Bild: Ein Test der motorischen Fähigkeiten zeigte leichte Verbesserungen, ein eindeutiger Erfolg wurde jedoch nicht erzielt. Wichtig war jedoch die Erkenntnis, dass das fremde Nabelschnurblut in der Regel gut vertragen wurde.
Eine größere Studie mit gespendeten Zellen wurde 2022 veröffentlicht: 91 Kinder erhielten entweder Stammzellen aus dem Nabelschnurblut, mesenchymale Stammzellen aus dem Nabelschnurgewebe oder gehörten zu einer Kontrollgruppe5. Der Einsatz von Nabelschnurblut führte dabei zu einer statistisch signifikanten Verbesserung von durchschnittlich 3,3 Punkten des GMFM-Scores. Die Zellen aus dem Nabelschnurgewebe waren deutlich weniger wirksam.
Universität Bundang, Südkorea – vier Studien mit etwa 150 Kindern
Der südkoreanische Forscher MinYoung Kim führte an der Universität Bundang drei Studien durch. Im Jahr 2013 verwendete er Nabelschnurblut von Fremdspendern, um 31 Kinder mit Zerebralparese zu behandeln. Die körperliche und geistige Entwicklung der behandelten Kinder schien danach besser zu verlaufen als in einer unbehandelten Kontrollgruppe.
Eine Folgestudie mit 36 Kindern aus dem Jahr 2015 deutete zudem darauf hin, dass die Wirkung der Therapie über das Immunsystem vermittelt werden könnte. Die Forschenden stellten fest, dass Entzündungsreaktionen im Gehirn eingedämmt wurden.
Eine dritte Studie mit 88 Kindern aus dem Jahr 2020 testete eine Kombination aus Nabelschnurblut und dem Botenstoff Erythopoetin. Sie gab Hinweise darauf, dass diese Kombination nach einem Jahr zu besseren Ergebnissen führt. Allerdings lieferte auch diese Studie keinen eindeutigen Beweis für die Wirksamkeit der Nabelschnurblut-Therapie.
69 Kinder aus der dritten Studie wurden ein weiteres Mal mit Nabelschnurblut behandelt6. Dabei zeigte sich jedoch kein merklicher Unterschied zwischen den behandelten Kindern und der Kontrollgruppe. Die Forschenden gaben als mögliche Erklärung an, dass die Kinder inzwischen im Mittel über 4 Jahre alt waren und deshalb nicht mehr auf die Therapie reagierten.
Zwei Metaanalysen fassen den Stand der Forschung zusammen
Es gibt bereits zahlreiche Studien, die die Wirkung von Nabelschnurblut bei der Zerebralparese untersuchen. Viele dieser Studien besitzen jedoch nur eine begrenzte Aussagekraft, da sie zu klein sind oder methodische Mängel aufweisen. Zudem lassen sich selbst hochwertige Studien nur schwer miteinander vergleichen, da sie meist deutlich unterschiedliche Behandlungsprotokolle verwenden.
Da die Datenlage so unübersichtlich ist, haben Forschende sogenannte Metaanalysen durchgeführt. In diesen Arbeiten werden die Daten mehrerer Studien zusammengefasst und statistisch neu ausgewertet. In den letzten Jahren wurden zwei Metaanalysen zum Einsatz von Nabelschnurblut bei der Zerebralparese veröffentlicht.
Die renommierten Forschungsgruppen um Joanne Kurtzberg und MinYoung Kim waren an einer Metaanalyse beteiligt, die im Jahr 2025 erschien7. In die Arbeit flossen Daten aus 11 unterschiedlichen Studien mit insgesamt 498 Teilnehmern ein. Die Hauptanalyse zeigte, dass die Therapie mit Nabelschnurblut den GMFM-Score durchschnittlich um etwa 1,4 Punkte erhöhte. Am besten wirkte das Nabelschnurblut bei Kindern unter fünf Jahren mit milderen Symptomen.
Kanadische Forschende verglichen 2026 die Wirkung von zwei unterschiedlichen Ansätzen: Zellen aus dem Nabelschnurblut und mesenchymale Stammzellen aus dem Nabelschnurgewebe8. Die Metaanalyse wertete 10 Studien mit insgesamt 621 Teilnehmern aus. Die Behandlung mit Blutzellen erzielte dabei keine signifikante Verbesserung des GMFM-Scores. Der Einsatz von Gewebestammzellen verbesserte den GMFM-Score hingegen durchschnittlich um 0,9 Punkte.
Fazit
Der Einsatz von Nabelschnurblut könnte dazu beigetragen haben, die Folgen einer Zerebralparese bei manchen Kindern zu lindern. Für einen definitiven Beweis der Wirksamkeit sind jedoch noch weitere Studien erforderlich.
Die Transplantation von Nabelschnurblut wird in der Regel gut vertragen. Nebenwirkungen treten eher selten auf und bleiben in der Regel moderat.
Es gibt Hinweise, dass das Lebensalter ein wichtiger Faktor ist. Einige Daten deuten an, dass eine Behandlung vor allem in den ersten drei bis fünf Lebensjahren sinnvoll ist.
2 Naussed, Steuernagel und Geisendorf, Zerebralparesen, Universitäts-Klinikum Jena, abgerufen Mai 2026 (Link)
alle Referenzen anzeigen
3 Paton et al., Fifteen years of human research using stem cells for cerebral palsy: A review of the research landscape, Journal of Paediatrics and Child Health, Februar 2021 (Link)4 Choi et al., Synergistic Effect in Neurological Recovery via Anti-Apoptotic Akt Signaling in Umbilical Cord Blood and Erythropoietin Combination Therapy for Neonatal Hypoxic-Ischemic Brain Injury, Int J Mol Sci, November 2021 (Link)
5 Sun et al., Motor function and safety after allogeneic cord blood and cord tissue‐derived mesenchymal stromal cells in cerebral palsy: An open‐label, randomized trial, Developmental Medicine & Child Neurology, Dezember 2022 (Link)
6 Suh et al., Maintenance of the synergistic effects of cord blood cells and erythropoietin combination therapy after additional cord blood infusion in children with cerebral palsy: 1-year open-label extension study of randomized placebo-controlled trial, Stem Cell Research & Therapy, Dezember 2023 (Link)
7 Finch-Edmondson et al., Cord Blood Treatment for Children With Cerebral Palsy: Individual Participant Data Meta-Analysis, Pediatrics, Mai 2025 (Link)
8 Duong et al., An updated meta-analysis of umbilical cord blood to treat cerebral palsy: distinguishing cord blood infusions from mesenchymal stromal cell therapy, Current Research in Translational Medicine, Januar 2026 (Link)
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Kurz und knapp
- mehrere Studien testen, ob Nabelschnurblut die Symptome einer Zerebralparese lindern kann
- es besteht die Möglichkeit, dass Botenstoffe aus den Nabelschnurzellen die Funktion der Nervenzellen unterstützen
- in zahlreichen Studien mit Hunderten von Kindern konnten Nabelschnurtherapien leichte Verbesserungen erzielen
- ein endgültiger Beleg für die Wirksamkeit ist noch nicht erbracht