August 2017
Dieser Newsletter von wissensschau.de informiert im Abstand von zwei Monaten über jüngste Entwicklungen bei der Gentherapie und den CAR-T-Zellen.

 

Klinische Studien

Große Fortschritte bei Hämophilie A

BioPharmaDIVE

Die US-Firma BioMarin hat es eilig: Bevor die erste Studie beendet ist, wird die nächste bereits geplant. Grund sind ermutigende Ergebnisse bei der Gentherapie von Hämophilie A, die einen Mangel des Gerinnungsfaktor VIII behebt. 15 Patienten nehmen an einer aktuellen Phase-I/II-Studie teil, und für sechs liegen nun die Ergebnisse des ersten Jahres vor.

Bei den sechs Patienten erhöhte sich die Blutkonzentration des Gerinnungsfaktors von 1 % auf 50 % des Normalwerts, die sonst lebenserhaltenden Infusionen wurden damit überflüssig. Spontane Blutungen blieben weitgehend aus. Obwohl die Studie erst 2022 endet, soll eine weiterführende Phase-III-Studie mit 100 Patienten noch in diesem Jahr starten. Dank einer verkürzten Beobachtungszeit könnten die Ergebnisse bereits 2019 vorliegen.

Hoffnungsschimmer bei erblicher Neurodegeneration

Bluebird Bio

Der Film "Lorenzo's Öl" schildert eindrücklich den Verlauf der Erbkrankheit Adrenoleukodystrophie (ALD): Ein Defekt im Stoffwechsel schädigt das Gehirn, fast immer mit tödlichen Folgen. Ärzten bleibt bislang nur die risikoreiche Transplantation von Knochenmark. Die US-Firma Bluebird Bio testet eine Alternative: Ein lentiviraler Vektor soll die defekte Version des Gens ABCD1 ersetzen.

Die Zwischendaten einer Phase-II/III-Studie sind vielversprechend: Nach zwei Jahren entwickeln sich 15 der 17 behandelten Kinder mit ALD weitgehend normal. Die Ergebnisse sind allerdings noch nicht endgültig, da der Verlauf der Krankheit kaum vorhersagbar ist. Die Studie wird nun um acht Patienten vergrößert und erstmals auch auf Europa ausgeweitet.

Fortschreiten des Sanfilippo B-Syndrom verlangsamt

The Lancet

Auch beim erblichen Sanfilippo B-Syndrom leiden Kinder unter einem raschen Verfall ihrer geistigen Fähigkeiten. Forscher am Pasteur-Institut in Paris entwickelten eine Gentherapie: Vier Kindern zwischen 20 und 53 Monaten wurde ein AAV-Vektor mit dem Stoffwechselenzym NAGLU direkt in das Gehirn injiziert.

Auch 30 Monate nach dem Eingriff wird das Stoffwechselenzym anhaltend produziert. Verglichen mit dem üblichen Verlauf der Krankheit entwickelten sich die Kinder positiv, beim jüngsten Patienten gab es sogar kaum Unterschiede zu einem gesunden Kind. Die Forscher sehen sich dennoch erst am Anfang - größere und längere Studien müssen das Ergebnis bestätigen.

100 % Ansprechrate bei CAR-T-Zelltherapie

LifeSciVC

Durchschnittlich sieben vergebliche Krebstherapien hatten Patienten mit Multiplem Myelom bereits hinter sich, bevor sie an einer Studie mit CAR-T-Zellen teilnahmen. Umso beeindruckender ist die Erfolgsrate bei den 15 Patienten, die höhere Dosen erhielten: Alle sprachen auf die Therapie an, bei 46 % war die Antwort sehr gut und bei 27 % sogar vollständig.

Zudem hielten sich die Nebenwirkungen in Grenzen. Eine Erhöhung der Dosis wurde gut vertragen, die gefürchteten Zytokinstürme blieben seltene Ausnahmen, und schwere Fälle von Neurotoxizität waren nicht zu verzeichnen. Der Beobachtungszeitraum ist mit 8 bis 54 Wochen allerdings sehr kurz, Rückfälle sind daher noch nicht auszuschließen. Dennoch hat die Studie der US-Firmen Bluebird Bio und Cellgene die Erwartungen deutlich übertroffen.

Forschung

Allergien und Asthma als neue Ziele?

JCI Insight

Auch das Immunsystem kann irren: Es attackiert harmlose Substanzen und verursacht dabei Allergien und Asthma. Australische Forscher glauben, dass eine Gentherapie für Abhilfe sorgen kann. Mäusen transplantierten sie veränderte Blutstammzellen, die das Gen für ein Allergie-auslösendes Protein enthielten - die Immunzellen wurden umprogrammiert und die Tiere waren von ihrer Allergie befreit.

Allergien gegen Erdnüsse, Bienengift und Schalentiere könnten mit dieser Gentherapie heilbar sein. Bis dahin sind allerdings noch große Hürden zu überwinden: Die Mäuse erhielten eine Transplantation von Knochenmark - ein risikoreicher und potenziell tödlicher Eingriff. Solange die vermeintliche Therapie gefährlicher als die Krankheit ist, ist an eine Anwendung nicht zu denken.

CRISPR erzeugt viele Mutationen

Nature Methods

Die Genschere CRISPR kann das Erbgut umschreiben und weckt damit Hoffnungen auf neuartige Gentherapien. Voraussetzung ist jedoch, dass dabei so wenig Fehler wie möglich auftreten. Ein neues Experiment setzt hier ein Fragezeichen: US-Forscher simulierten eine CRISPR-basierte Gentherapie an zwei Mäusen - und fanden danach Hunderte von Mutationen, von denen mindestens sechs die Gesundheit gefährden.

Der Versuch geriet allerdings rasch in die Kritik. Experten bemängelten fehleranfällige Methoden, unzureichende Kontrollen und die geringe Zahl von Versuchstieren. Der Ausgang der Kontroverse ist offen, nur eines ist klar: Vor einem Einsatz von CRISPR am Menschen wird noch viel Forschungsarbeit nötig sein.

Industrie

Wie teuer werden CAR-T-Zellen?

Bloomberg

Noch in diesem Jahr werden vermutlich die ersten Therapien mit CAR-T-Zellen in den USA zugelassen. Die Hersteller Novartis und Kite Pharma stehen damit vor einer drängenden Frage: Wieviel können sie für die Therapien verlangen?

Eine britische Studie sieht Preise von bis zu 750 000 US$ noch als kosteneffizient an. Orientieren können sich die Firmen auch an Stamzell-Transplantationen, deren Kosten bis zu 800 000 US$ betragen. Diese Summen stellen aber die Obergrenze dar, auf dem Markt durchsetzbar sind eher Beträge zwischen 300 000 und 500 000 US$-Dollar. Um die immensen Kosten abzufedern, könnte die Bezahlung in Raten aufgeteilt oder an den Heilerfolg gekoppelt werden.

Korea genehmigt Gentherapie für Arthrose

drugdevelopment-technology.com

Die weltweit vierte Gentherapie drängt auf den Markt: Die Behandlung mit Namen Invossa soll die Behandlung von Arthrosen im Knie verbessern. Die Zulassung erfolgte bislang nur in Südkorea; Japan und frühestens 2020 auch die USA könnten folgen. Über den Preis ist noch nichts bekannt.

Invossa basiert auf Knorpelzellen, die ein zusätzliches Gen für den Wachstumsfaktor TGF-ß erhalten. Nach Injektion in das Gelenk mit Arthrose sollen sie den Verfall des Knorpelgewebes aufhalten. In den bisherigen Studien blieben die Effekte allerdings begrenzt, ihre Wirksamkeit muss die Therapie noch im Verlauf der nächsten Jahre schlüssig beweisen. Im besten Fall könnte Invossa Millionen von Menschen weiterhelfen.

Medienspiegel

Das Risiko der Gentherapie

Berliner Zeitung

Klinische Studien sind Experimente, die auf tragische Weise fehlschlagen können. Der deutsche Arzt Christoph Klein weiß das nur zu gut. Er wollte 10 Kindern mit einer seltenen Erbkrankheit helfen, doch am Ende starben drei seiner Patienten an Leukämie. Klein geriet in die Kritik: Hat er die Kinder einem unnötigen Risiko ausgesetzt? Ein Artikel in der Berliner Zeitung deutet an, mit welchen Konflikten und Risiken die Entwicklung von Gentherapien zu kämpfen hat.