Gentherapie: Das stille
Comeback einer Hoffnung

In Kürze
Vor 20 Jahren, als von Stammzellen noch nicht die Rede war, trug die große Hoffnung der Medizin einen anderen Namen - Gentherapie. Doch im Jahr 1999 beendete der Tod des 18-jährigen Jesse Gelsinger die Euphorie: Die Medizin war zu schnell vorgeprescht und hatte die Therapie am Menschen ausprobiert, ohne alle Folgen bedacht zu haben1. Die Gentherapie verschwand abrupt aus dem Fokus der Medien. Aber im Stillen ging die Entwicklung weiter, und ein Durchbruch könnte nun bald bevorstehen.
Die Gentherapie kann Erbkrankheiten heilen. Oft werden dabei Zellen außerhalb des Körpers mit einem Virus behandelt.
Die Erfolgsmeldungen häufen sich: Blutkrankheiten, Augenleiden und Stoffwechsel-Defekte wurden bei einzelnen Patienten geheilt oder gelindert2. Die Mediziner haben ihre Methoden erheblich verfeinert, sie sind nun effizienter und sicherer als je zuvor. Über 1500 Gentherapie-Studien wurden bereits durchgeführt, mehr als 80 sind aktuell in der Vorbereitung und werden demnächst starten.
Mögliche Kandidaten für eine Gentherapie gibt es genug. Mindestens 4000 Krankheiten werden durch den Defekt eines einzelnen Gens verursacht: Das Einschleusen einer fehlerfreien Gen-Kopie könnte die normalen Körperfunktionen wieder herstellen. Der Handlungsbedarf ist groß, denn nur selten gibt es für diese Krankheiten wirksame Therapien.

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Quelle: The Journal of Gene Medicine

In Kürze

  • Gentherapien heilen Erbkrankheiten durch das Einschleusen einer fehlerfreien Genkopie
  • vor allem Immunschwächen werden erfolgreich behandelt, aber auch Augenleiden und Herzinsuffizienz
  • für den Transport der fehlerfreien Genkopie benötigt man einen veränderten Virus
  • der Virus kann Krebs oder Immunreaktionen auslösen
Veränderte Viren sind ein wesentliches Hilfsmittel der Gentherapie. Sie dringen effizient in Körperzellen ein und transportieren dabei die fehlerfreien Gene. Mehrere Typen von Viren werden verwendet3: Adeno- und adeno-assoziierte Viren (die Atemwege befallen) sowie Lentiviren, die von dem AIDS-Virus abstammen. Krankheiten können diese Viren nicht mehr auslösen, da alle gefährlichen Gene aus ihrem Genom entfernt wurden; sie werden daher Vektoren(Transport-Vehikel) genannt.
Lentivirale Vektoren sind vor allem für die langfristige Gentherapie geeignet. Sie bauen sich selber in das Genom des Patienten ein und können so lebenslang aktiv bleiben. Doch dies birgt auch eine große Gefahr: Landet der Vektor an einer falschen Stelle, kann er die Vorgänge in der Körperzelle aus dem Gleichgewicht bringen - Krebs entsteht. Schon die erste eindeutig erfolgreiche Gentherapie im Jahre 2000 musste diesen Rückschlag hinnehmen. Zwanzig Jungen wurden von einer schweren Immunschwäche geheilt, doch fünf davon entwickelten später Blutkrebs (ein Junge starb)4.
Adenovirale Vektoren dringen nicht ins Genom ein, wodurch das Krebsrisiko auf ein Minimum reduziert wird. Doch außerhalb des Genoms sind sie auch weniger wirksam; mit der Zeit lässt ihre Aktivität nach. Ein erbliches Augenleiden können sie dennoch heilen: Direkt hinter die Netzhaut gespritzt, verhindert das eingeschleuste Gen die langsame Degeneration des Gewebes. Vier englische Jungen blieben so von einer drohenden Erblindung verschont und können nun ein weitgehend normales Leben führen.
Doch auch adenovirale Vektoren haben einen großen Nachteil. Da sie den ursprünglichen Erkältungsviren noch ähneln, werden sie manchmal vom Immunsystem erkannt und attackiert. Im besten Fall wird dadurch die Therapie unwirksam. Im schlimmsten Fall ist die Immunreaktion so heftig, dass der Patient daran stirbt. Dies war auch die Ursache für den Tod von Jesse Gelsinger.
Gentherapien helfen nicht nur bei seltenen Erbkrankheiten, sondern auch bei verbreiteten, nicht-erblichen Volkskrankheiten. Erst kürzlich wurde eine Studie mit 39 Patienten durchgeführt, die an chronischer Herzinsuffizienz litten5 - eine der häufigsten Todesursachen in der westlichen Welt. Das Ergebnis war ermutigend: Ein Jahr nach der Behandlung war die Leistungsfähigkeit des Herzens gesteigert, und die Patienten mussten weniger Zeit in stationärer Behandlung verbringen.
Sogar bei AIDS wurde eine Gentherapie durchgeführt6. Die Strategie der Forscher war äußerst ungewöhnlich: Statt ein defektes Gen zu korrigieren, wurde ein Gesundes verändert. Dies sollte verhindern, dass der AIDS-Virus die Blutzellen infiziert. Tatsächlich nahm die Zahl der weißen Blutkörperchen nach der Behandlung zu; ob sie jedoch den Virus wirksam bekämpfen, konnte man noch nicht sagen.
Auch "Big Pharma" haben die Erfolge aufhorchen lassen. GlaxoSmithKline, das zweitgrößte Pharmaunternehmen der Welt, hat sich Rechte an einer Gentherapie gesichert, die eine Immunschwäche bei Kindern behandelt7. Das bestätigt, was manche Experten schon länger sagen: Die Gentherapie ist in der Medizin angekommen, man hofft innerhalb der nächsten sieben Jahre zehn Krankheiten behandeln zu können8.
Doch ein Wundermittel ist sie nicht: Die Gefahr von Krebs und gefährlichen Immunreaktionen ist der Preis, der für eine erfolgreiche Gentherapie bezahlt werden muss. Aber die Krankheiten sind so schwer - und alternative Therapien so selten - dass die meisten Patienten dieses Risiko auf sich nehmen werden.
1 J. Wilson, A History Lesson for Stem Cells, Science 2009, vol. 324, pp. 727-8 (link)
2 Herzog et al., Two Decades of Clinical Gene Therapy - Success Is Finally Mounting, Discovery Medicine 2010, vol. 9 pp. 105-11 (link)
3 W. Pfützner, Vectors for gene therapy of skin diseases, JDDG 2010, vol. 8, pp. 582-90 (link)
4 D.B. Kohn, Update on Gene Therapy for Immunodeficiencies, Clinical Immunology 2010, vol. 135, pp. 247-254 (link)
5 Jessup et al., Calcium Upregulation by Percutaneous Administration of Gene Therapy in Cardiac Disease, Circulation 2011, published before print June 27 (link)
6 H. Ledford, Targeted gene editing enters clinic, Nature 2011, vol. 471, p. 16 (link)
7 Pressemitteilung GlaxoSmithKline, GSK, Fondazione Telethon and Fondazione San Raffaele to collaborate on gene therapy for rare diseases, 18. Oktober 2010 (link)
8 J. Kaiser, Gene Therapists Celebrate a Decade of Progress, Science 2011, vol. 334, p. 29-30 (link)
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