Gentherapie - Hoffnung trotz ständiger Rückschläge

     

Zwei Gentherapien sind seit kurzem in Europa zugelassen. Diese Erfolge sind die Frucht einer langen Entwicklung, bei der herbe Rückschläge ein ständiger Begleiter waren.

Glybera schien der Durchbruch: 2012 wurde sie als erste Gentherapie in der westlichen Welt zugelassen. Doch die Freude währte nur kurz, Glybera fand bislang nur einen Patienten und konnte Zweifel an seiner Wirksamkeit nie ausräumen.

Strimvelis will es nun besser machen. Im Mai 2016 wurde die Gentherapie für die Behandlung einer selten Immunschwäche zugelassen, mit der jährlich etwa 15 Kinder in Europa geboren werden. Aber erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob diese Gentherapie das Schicksal von Glybera vermeiden kann.

Prinzip der Gentherapie

Ein vermeidbarer Tod

Der Wechsel zwischen Bangen und Hoffen ist ein treuer Begleiter der Gentherapie. Bereits 1999 erschütterte der Tod des 18-jährigen Jesse Gelsinger die Euphorie der Anfangsjahre1: Der laxe Umgang mit Sicherheitsbestimmungen löste einen Skandal aus, und die Gentherapie verschwand aus dem Fokus der Medien. Doch im Hintergrund trieben Forscher die Entwicklung weiter voran.

Seitdem häufen sich die Erfolge: Erbkrankheiten des Knochenmarks, Augenleiden und Stoffwechsel-Defekte können - zumindest bei einzelnen Patienten - geheilt oder gelindert werden2. Etwa 2000 Gentherapie-Studien haben Forscher bereits durchgeführt, und jährlich kommen über 100 neue Studien dazu.

Doch noch befinden sich fast alle dieser Therapien im Versuchsstadium. Die Entwicklung ist zeitaufwändig, da die Sicherheit der Patienten Vorrang hat und strenge Vorsichtsmaßnahmen verlangt. Denn Gentherapien sind potentiell gefährlich - sie können Krebs auslösen.

Mindestens fünfzehn Patienten sind bereits an Blutkrebs erkrankt, einige auch daran gestorben. Schuld sind veränderte Viren: Ärzte verwenden sie, um die fehlerfreien Gene in die Körperzellen zu transportieren. Ohne diese Genfähren lassen sich die Schäden im Erbgut nur schwer reparieren - aber sie bergen die Gefahr, dass dabei Krebsgene aktiviert werden.

Immunschwächen und Blindheit

Nach vielen Jahren harter Arbeit konnten Forscher die Genfähren deutlich verbessern: Sie sind jetzt sicherer und wirkungsvoller als je zuvor. Eingesetzt werden sie vor allem bei Erbkrankheiten, die das Knochenmark betreffen. Stammzellen aus dem eigenen Knochenmark werden im Labor mit den Genfähren behandelt und dann dem Patienten zurückgegeben. Erst kürzlich konnten so bei sechs kleinen Kindern zwei schwere Erbkrankheiten zum Stillstand gebracht werden - das Wiskott-Aldrich-Syndrom und die metachromatische Leukodystrophie.

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Sogar eine Form der Blindheit scheint nun heilbar. Eine Erbkrankheit mit dem Namen Lebersche Kongenitale Amaurose ruft bereits in Neugeborenen Sehstörungen hervor, die im Laufe der Jahre zu einer vollständigen Erblindung führen. Genfähren, die direkt in das Auge gespritzt werden, halten diesen Verfall auf3. Besonders bei jüngeren Patienten verspricht dies Erfolg: Vier Kinder konnten nach der Gentherapie wieder Ball spielen oder sogar Fahrrad fahren.

Glybera, vom Durchbruch zum Flop

Doch der Durchbruch schien mit einer Stoffwechselkrankheit zu kommen: Im November 2012 erteilte die europäische Gesundheitsbehörde der Gentherapie Glybera die Zulassung - ein Novum in der westlichen Welt. Die Therapie heilt eine seltene Erbkrankheit, Lipoprotein-Lipase-Defizienz genannt. Der Ausfall eines Stoffwechsel-Enzyms, das Fette aus der Nahrung abbaut, verursacht häufige und schwere Entzündungen der Bauchspeichel­­drüse. Glybera bringt Muskelzellen des Patienten dazu, das fehlende Enzym zu produzieren - die Häufigkeit der schmerzhaften Entzündungen nimmt dann deutlich ab.

Doch die Zulassung der Gesundheitsbehörde kam mit Auflagen: Der Hersteller sollte Daten zur Sicherheit und Effizienz nachliefern, bevor Glybera endgültig auf dem freien Markt angeboten werden kann. Die Daten fielen offenkundig wenig positiv aus, denn im April 2015 wurden die Preisverhandlungen - der letzte Schritt vor der Markteinführung - kurzfristig abgebrochen. Bislang fand Glybera nur einen einzigen Patienten, und ob noch mehr dazu kommen, erscheint fraglich.

Strimvelis als neue Hoffnung

Die Chancen für Strimvelis scheinen besser zu stehen. An der Wirksamkeit gibt es nur wenig Zweifel, und ein dringender Bedarf besteht auch. Zudem muss Strimvelis kein kommerzieller Erfolg werden. Der Hersteller GlaxoSmithKline verfolgt eine langfristige Strategie: Diese Gentherapie soll nur der erste Versuch sein, um einen neuen Markt zu erproben.

Studien mit Gentherapien

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Zahl der zugelassenen Gentherapie-Studien 1989-2014 (Quelle: The Journal of Gene Medicine)

Die Behandlung von Erbkrankheiten spielt in diesem Konzept nur eine untergeordnete Rolle. Denn diese sind in der Regel zu selten, um die Entwicklung kostspieliger Therapien auch finanziell attraktiv zu machen. Auf lange Sicht bauen die Firmen darauf, dass Gentherapien auch bei anderen Krankheiten eingesetzt werden.

Gentherapien für Krebs und AIDS

Zu diesen Krankheiten gehört auch Krebs. Forscher haben Immunzellen mit einem künstlichen Gen versehen, das den Angriff auf Krebs­zellen erleichtert. Erste Studien mit Blutkrebs-Patienten zeigten beeindruckende Erfolge: Manche der Patienten, die mit den sogenannten CAR-T-Zellen behandelt wurden, überleben bereits seit zwei Jahren. Experten sagen dieser Kombination von Gen- und Immuntherapie eine große Zukunft voraus4.

Sogar AIDS könnte mit einer Gentherapie behandelt werden5. Forscher verwenden dafür eine ungewöhnliche Strategie: Statt ein defektes Gen zu korrigieren, wird ein gesundes verändert. Dies soll verhindern, dass der AIDS-Virus die Blutzellen infiziert. In einem ersten Test nahm die Zahl der weißen Blutkörperchen nach der Behandlung tatsächlich zu; ob sie jedoch den Virus wirksam bekämpfen, ist noch unklar.

Hohe Kosten sind eine Hürde

Wenn sich die Gentherapien durchsetzen, wird dies allerdings erhebliche Kosten nach sich ziehen. Eine Behandlung mit Glybera hätte - wäre es nach dem Willen der Hersteller gegangen - mehr als 1 Millionen Euro gekostet6. Gerechtfertigt wird der hohe Preis damit, dass die Wirkung der Gentherapie jahrelang, manchmal vielleicht sogar lebenslang anhalten kann. Weil dabei viele Behandlungskosten wegfallen, sei eine Gentherapie immer noch die günstigere Lösung.

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Bei diesen Gewinnspannen horchen auch die großen Pharma-Unternehmen auf. Das bestätigt einen Trend, den Experten schon länger beobachten: Die Gentherapie ist in der Medizin angekommen. Manche hoffen sogar, dass innerhalb der nächsten sieben Jahre bis zu zehn Krankheiten behandelt werden können8.

Zu den ersten Anbietern wird wohl eine kleine Biotechfirma gehören, Bluebird Bio aus den USA. Sie entwickelt eine Gentherapie gegen die erbliche Blutarmut ß-Thalassämie, die in einer ersten Studie - allerdings nur mit vier Patienten - vielversprechende Resultate erzielt hat9. Bluebird hat bereits begonnen, erste Verhandlungen mit den Gesundheitsbehörden in den USA und der EU zu führen. Allerdings ist absehbar, dass noch weitere und größere Studien notwendig sind - und die werden sich noch einige Jahre hinziehen.

Ein Wundermittel sind Gentherapien nicht: Die Gefahr von Krebs und gefährlichen Immunreaktionen ist der Preis, der wohl auch in Zukunft für eine Korrektur des Erbguts bezahlt werden muss. Aber die Krankheiten sind so schwer - und alternative Therapien so selten - dass die meisten Patienten dieses Risiko wohl gerne auf sich nehmen werden.

1 J. Wilson, A History Lesson for Stem Cells, Science 2009, vol. 324, pp. 727-8 (link)
2 Herzog et al., Two Decades of Clinical Gene Therapy - Success Is Finally Mounting, Discovery Medicine 2010, vol. 9 pp. 105-11 (link)
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Korrigierter Fehler: Viele Erbkrank­heiten können nur durch das Einschleusen eines fehler­freien Gens behandelt werden. Viren leisten dabei unverzichtbare Hilfe.
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Kurz und knapp 

  • Gen­therapien heilen Erb­krankheiten durch das Ein­schleusen einer fehler­freien Genkopie
  • vor allem Immun­schwächen werden erfolgreich behandelt, aber auch Augen­leiden und Stoff­wechsel­krankheiten
  • mehr als 2000 Gent­herapie-Studien wurden bereits durchgeführt
  • Glybera ist die erste in Europa zugelassene Gentherapie, ihre Zukunft ist aber unklar