Gentherapie Strimvelis - Hoffnung für todkranke Kinder

     

Die Erbkrankheit ADA-SCID zerrüttet das Immunsystem: Ohne Behandlung führen ständige Infektionen zu einem fast sicheren Tod. Eine Gentherapie kann helfen - in Studien lag die Überlebens­rate bei 100 Prozent.

Gentherapien versprechen Hoffnung - todkranke Menschen sollen ein normales Leben führen. Strimvelis ist die erste Gentherapie, die dieses Versprechen erfüllen kann. Und das so erfolgreich, dass selbst offizielle Stellen das ansonsten verpönte Wort "Heilung" in den Mund nehmen1. Im März 2017 war es dann soweit: Strimvelis fand den ersten zahlenden Patienten.

Eine Gentherapie gegen Immunschwäche

Ein Retrovirus schleust das fehlerfreie ADA-Gen in die Zellen ein

In Europa werden jährlich etwa 15 Kinder geboren, die an der Krankheit ADA-SCID leiden. Ein winziger Defekt im Erbgut sorgt dafür, dass sie fast wehrlos gegen Viren und Bakterien sind. Der Verlust des Enzyms Adenosin-Desaminase (ADA) blockiert die Entwicklung von weißen Immunzellen und lähmt die Abwehrkräfte des Immunsystems (engl. severe combined immunodeficiency, SCID). Ohne Behandlung würden die meisten dieser Kinder innerhalb von zwei Jahren sterben.

Eine Korrektur des genetischen Defekts könnte die Kinder retten, wie Forscher schon früh erkannten. Ashanthi DeSilva, ein vierjähriges Mädchen mit ADA-SCID, war der erste Mensch, der sich einer Gentherapie unterzog2. Der Versuch war erfolgreich - aber die Wirkung der Behandlung ließ leider nach einigen Jahren nach.

Strimvelis füllt eine Lücke

Kurz darauf, im Jahr 1992, entwickelten Forscher am San Raffaele Telethon Institut in Mailand9 einen Ansatz, der sich als langlebiger erwies. Über die Jahre behandelten sie insgesamt 22 Kinder, mit beeindruckendem Ergebnis: Alle leben noch, und viele haben ihre Immunschwäche überwunden. Im Mai 2016 wurde diese Gentherapie schließlich unter dem Namen Strimvelis in Europa zugelassen3.

Strimvelis füllt eine schmerzliche Lücke. Die Transplantation von Knochenmark gilt bislang als Standardtherapie für ADA-SCID, doch das Risiko ist hoch: Eines von zehn Kindern überlebt den Eingriff nicht4. Hinzu kommt, dass nicht für jedes Kind ein passender Spender bereitsteht. Der letzte Ausweg war bislang die Injektion des Enzyms ADA, doch diese sogenannte Enzymersatz-Therapie ist ebenfalls riskant (ein bis zwei von zehn Kindern sterben) und zudem extrem teuer.

Statt mit einer Enzymersatz-Therapie können Betroffene nun mit Strimvelis behandelt werden. Die Gentherapie modifiziert ihre eigenen Stammzellen: Ärzte entnehmen den Kindern Knochenmark und behandeln es im Labor mit einem harmlosen Virus. Dieser sogenannte virale Vektor schleust eine korrekte Version des ADA-Enzyms in das Erbgut der Zellen ein und behebt so den genetischen Defekt. Im Körper der Patienten entwickeln sich die Stammzellen zu B- und T-Lymphozyten - und bauen dabei ein schlagkräftiges Immunsystem auf.

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Wirksame Behandlung von ADA-SCID

Das Ergebnis überzeugte auch die europäische Gesundheitsbehörde. Sie bewertete den Erfolg bei 18 Kindern, die bei der Behandlung durchschnittlich 19 Monate alt waren und danach im Mittel sieben Jahre lang beobachtet wurden5. Alle Kinder sind noch am Leben - die Überlebensrate liegt bei optimalen 100 %. Die Zahl der Immunzellen stieg, die Häufigkeit von schweren Infektionen nahm hingegen deutlich ab. 14 Kinder brauchten danach keine weitere Behandlung mehr. Und bislang gehen die Forscher davon aus, dass diese Wirkung ein Leben lang anhält.

Die Gentherapie löst jedoch auch unerwünschte Nebenwirkungen aus6. Fieber gehört zu den häufigsten Problemen, und zwei Drittel der Kindern entwickelten - zumindest zeitweise - ernsthafte Autoimmunreaktionen. Dennoch: Gemessen an der Schwere der Krankheit und der Komplexität des Eingriffs gilt Strimvelis immer noch als gut verträglich.

Problempunkt Kosten

Die Kosten sind jedoch hoch - kürzlich wurden sie auf 594 000 Euro pro Anwendung festgelegt7. Das ist jedoch immer noch weniger als der Preis von Glybera, der ersten in Europa zugelassenen Gentherapie: Trotz Zweifel an der Wirksamkeit beträgt dieser etwa 1 Millionen Euro. Und vor allem ist Strimvelis langfristig wesentlich günstiger als die Ersatztherapie mit dem ADA-Enzym, die jährlich bis zu 400 000 Euro kosten kann8.

Ein kommerzieller Erfolg wird Strimvelis jedoch nicht werden: Aufgrund der geringen Zahl möglicher Patienten werden die Einnahmen zwangsläufig bescheiden bleiben. Der Pharmagigant GlaxoSmithKline, der im Jahr 2010 die Lizenz vom San Raffaele Telethon Institut erworben hatte, verfolgt auch eher eine langfristige Strategie: Er will die Chancen für Gentherapien auf dem Markt ausloten.

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Dafür kommt er den Gesundheitskassen in einigen Punkten entgegen: Die Kosten für Strimvelis werden in jährlichen Raten abgewickelt, und im Falle eines Misserfolges gibt es auch das Geld zurück. Dieses Finanzierungsmodell könnte als Modell für alle kommenden Gentherapien dienen.

Die Frage der Finanzierung bleibt aber kompliziert und war wohl mit ein Grund, warum zwischen Zulassung und erstem Patienten ein Jahr Wartezeit verstrich10. Da die Behandlung mit Strimvelis nur in Mailand angeboten wird, der erste Patient aber offenkundig kein Italiener ist, waren langwierige Verhandlungen für die Übernahme der Kosten notwendig.

Strimvelis ist dennoch für alle Beteiligten ein großer Schritt voran: Die Gentherapie-Forscher feiern ihren ersten unbestreitbaren Erfolg, und die Industrie testet den Markt für neue Behandlungen. Und eine Handvoll junger Patienten darf darauf hoffen, dass sie ihr Leben beinahe unbeschwert genießen können.

1 EMA, Strimvelis, Zusammenfassung des EPAR für die Öffentlichkeit, 2016 (link)
2 M. Lange, 25 Jahre nach der ersten Gentherapie, Deutschlandradio Kultur, September 2015 (link)
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Für die Therapie mit Strimvelis müssen zuerst Zellen aus dem Knochenmark entnommen werden. Nach dem Gentherapie werden sie dem Patienten zurückgegeben.
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Kurz und knapp 

  • die Erbkrankheit ADA-SCID schwächt das Immunsystem und macht Betroffene höchst anfällig gegenüber Infektionen
  • die Gentherapie Strimvelis kann den genetischen Effekt ausgleichen und die Immunabwehr stärken
  • bei ersten Studien mit Strimvelis lag die Überlebensrate bei 100 Prozent, die Zahl der schweren Infektionen nahm stark ab
  • im Mai 2016 wurde Strimvelis für den europäischen Markt zugelassen, im März 2017 der erste Patient behandelt
  • die Kosten für eine Behandlung mit Strimvelis wurden auf 594 000 Euro festgesetzt