Zynteglo - Gentherapie gegen ß-Thalassämie

Die Gentherapie Zynteglo behandelt bestimmte Formen der Erbkrankheit ß-Thalassämie. Im besten Fall können die Betroffenen danach vollständig auf Bluttransfusionen verzichten.

Die Erbkrankheit ß-Thalassämie verursacht eine Blutarmut, die in schweren Fällen regelmäßige Bluttransfusionen notwendig macht. Die Gentherapie Zynteglo behebt den ursächlichen Gendefekt und macht viele Betroffene unabhängig von Transfusionen.

Im März 2019 hat ein Gremium die europaweite Zulassung von Zynteglo empfohlen, die endgültige Entscheidung der EU-Kommission wird in den nächsten Monaten erwartet.

Gentherapie Zynteglo

Die Gentherapie Zynteglo behandelt ß-Thalassämie.

Die Krankheit - tranfusionsabhängige ß-Thalassämie

Die ß-Thalassämie ist eine Erbkrankheit, bei der die Bildung des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin gestört ist1. Die Ursache ist ein genetischer Defekt in dem Gen für ß-Globin, einem der beiden Hauptbestandteile von Hämoglobin. In schweren Fällen führt der Mangel an Hämoglobin zu einer stark verringerten Zahl an roten Blutkörperchen oder Erythrozyten, wodurch der Körper nur unzureichend mit Sauerstoff versorgt wird. Ohne Behandlung würden die Betroffenen in früher Kindheit versterben.

Schwere Fälle von ß-Thalassämie werden mit regelmäßigen Bluttransfusionen behandelt, die ein bis zweimal im Monat erfolgen müssen. Die Transfusionen sichern das Überleben, überladen aber auch den Stoffwechsel mit dem Spurenelement Eisen. Das Eisen lagert sich in vielen Organen ab und verursacht Komplikationen, die die Lebensdauer verkürzen können.

Eine alternative Behandlung ist die Transplantation von Blutstammzellen. Der Eingriff kann die ß-Thalassämie fast vollständig heilen, ist aber auch mit hohen Risiken verbunden. Zudem ist eine Transplantation bei vielen Betroffenen nicht möglich, da ein passender Spender fehlt.

Der Nutzen - Transfusionen werden überflüssig

Eine Behandlung mit Zynteglo kann in vielen Fällen weitere Bluttransfusionen überflüssig machen. Allerdings wurde bislang erst eine kleine Zahl von Patienten behandelt, so dass die Erfolgsaussichten noch nicht sicher beurteilt werden können.

Eine Studie aus dem Jahr 2018 testete Zynteglo an 10 Patienten, von denen 8 seitdem keine Bluttransfusionen mehr benötigen2. Vorläufige Ergebnisse aus anderen Studien deuten auf ähnliche oder sogar etwas bessere Werte hin. Theoretisch könnte die Wirkung der Gentherapie lebenslang anhalten, gesicherte Daten liegen bislang allerdings erst für einen Beobachtungszeitraum von etwa drei Jahren vor.

Die Therapie - veränderte Blutstammzellen

Zynteglo ist eine Gentherapie, die das Erbgut von Blutstammzellen verändert. Die Zellen stammen aus dem Körper der Patienten und werden im Labor mit einer Genfähre behandelt, einem lentiviralen Vektor. Dieser Vektor schleust eine funktionstüchtige Genvariante, das ßA-T87Q-Globin-Gen, in die Zellen ein und ermöglicht die Produktion ausreichender Mengen von funktionstüchtigem Hämoglobin. Der genetische Defekt wird damit behoben, im besten Fall käme der Eingriff einer Heilung gleich.

Die veränderten Blutstammzellen werden direkt in das Blut gegeben, es erfolgt nur eine einmalige Gabe. Die Patienten werden zuvor mit einer Chemotherapie behandelt, um die Aufnahme neuer Stammzellen im Knochenmark zu erleichtern. Für eine Behandlung kommen nur Patienten in Frage, die an einer transfusionsabhängigen Form von ß-Thalassämie leiden und folgende Vorbedingungen erfüllen:

  • älter als 12 Jahre
  • kein passender Spender für eine Stammzelltransplantation
  • die Krankheit beruht nicht auf dem ß00 Genotyp

In der Europäischen Union leiden etwa 51 000 Menschen an schwereren Formen der ß-Thalassämie3, also etwa einer von 10 000. Aufgrund der strengen Vorbedingungen wird jedoch nur ein Teil für eine Behandlung mit der Gentherapie Zynteglo in Frage kommen.

Die Nebenwirkungen - meist in einem vertretbaren Rahmen

Die Nebenwirkungen von Zynteglo halten sich - angesichts der Schwere der Erkrankung - in einem vertretbaren Rahmen. Als einzige lebensbedrohliche Reaktion trat bei einem einzigen Patienten eine Thrombozytopenie auf, eine schwere Störung der Blutgerinnung.

Weitere ernste Nebenwirkungen waren Bauch- und Brustschmerzen, Schmerzen in den Extremitäten, Atemnot und Rötungen der Haut4.

Die Entwicklung - das Unternehmen Bluebird Bio

Die Entwicklung der Gentherapie erfolgte durch die US-amerikanische Firma Bluebird Bio. Anfangs lautete der Name noch LentiGlobin, die Umbenennung Zynteglo erfolgte erst kurz vor der möglichen Zulassung. Der erste Patient wurde im Jahr 2010 behandelt. Im Jahr 2015 wurde die erste klinischen Studie veröffentlicht, in der die Wirksamkeit aber stark schwankte: Einigen Patienten ging es besser, anderen nicht.

Bluebird Bio veränderte daraufhin den Herstellungsprozess des lentiviralen Vektors und die vorbereitende Behandlung der Patienten. Eine Studie aus dem Jahr 2018 ergab daraufhin konsequent gute Resultate, die eine wesentliche Grundlage für den Zulassungsversuch bildeten. Weitere Studien dauern zu diesem Zeitpunkt noch an.

Falls die Zulassung in Europa erfolgt, wäre sie mit einer Einschränkung verbunden: Weitere Daten müssen die Wirksamkeit von Zynteglo belegen, bevor die Genehmigung endgültig wird. Die Entwicklung der Gentherapie geht weiter und soll in Zukunft auch die Behandlung des ß00-Genotyps der ß-Thalassämie und der Sichelzellanämie ermöglichen.

Die Kosten - noch nicht festgelegt

Die Verhandlungen über die Kosten von Zynteglo werden erst nach der Zulassung beginnen.

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1 H. Cario, Beta (ß)-Tahlassämie, kinderblutkrankheiten.de, zuletzt aktualisiert Juni 2018 (Download)
2 bluebird bio Receives Positive Opinion from CHMP for ZYNTEGLO, Pressemitteilung von Bluebird Bio, März 2019 (link)
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Gentherapie Zynteglo

Die Gentherapie Zynteglo behandelt ß-Thalassämie.

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Kurz und knapp

  • die Erbkrankheit ß-Thalassämie kann eine schwere Blutarmut verursachen
  • die Gentherapie Zynteglo unterstützt die Produktion des Blutfarbstoffs Hämoglobin
  • Zynteglo kann Bluttransfusionen überflüssig machen, der Nutzen steht jedoch noch nicht endgültig fest
  • als Nebenwirkung können Thrombozytopenie und Schmerzen auftreten
  • Zynteglo wird vermutlich Mitte 2019 in der EU zugelassen