Knochen­mark­trans­plantation: Die erste Stammzelltherapie

     

Seit über 50 Jahren heilt die Transplantation von Knochenmark schwere Erkrankungen. Ärzte nutzen sie meist bei Blutkrebs, testen aber auch den Einsatz bei anderen Krankheiten.

Das Jahr 1969 brachte den Durchbruch: In Seattle rettete der Arzt E.D. Thomas1 einem Blutkrebs-Patienten das Leben, indem er ihm das Knochenmark eines Verwandten transplantierte. Über eine Million Knochen­mark­trans­plantationen wurden seither durchgeführt, jährlich kommen weitere 50 000 dazu. Zum Lohn erhielt Thomas den Nobelpreis für Medizin - er war hoch verdient.

Knochenmark-Transplantation

In den ersten Jahren war dieser Eingriff noch ein Wagnis, das nur wenige überlebten. Das Immunsystem des Patienten griff das gespendete Knochenmark an, tötete die fremden Stammzellen und verhinderte damit die Erneuerung des Bluts. Für die Patienten bedeutete dies den sicheren Tod. Erst in den 1980er Jahren bekamen Ärzte die Abstoßungsreaktion in den Griff, und seitdem gilt die Methode der Knochen­mark­trans­plantation als ausgereift.

Stammzellen erneuern das Blut

Auch heute ist dies noch ein gefährlicher Eingriff. Zuerst wird der Patient radioaktiver Strahlung und einer aggressiven Chemotherapie ausgesetzt, um das eigene Knochenmark vollständig zu entfernen. Dies verhindert, dass das alte Immunsystem das neue Knochenmark abstößt.

Eine weitere Gefahr besteht darin, dass das gespendete Knochenmark den Körper des Patienten angreift. Die Knochenmarkspenden werden daher sorgfältig ausgesucht: Die Ärzte analysieren zuvor wichtige Merkmale des Immunsystems, und nur bei einer möglichst guten Übereinstimmung von Spender und Empfänger kommt eine Transplantation in Frage.

Die ersten Wochen nach der Stammzellentransplantation sind eine kritische Zeit. Der Patient hat nur wenige Immunzellen und ist sehr anfällig für Infektionen. Doch wenn alles gut geht, erneuern die transplantierten Stammzellen das Blut und sorgen letztlich dafür, dass auch die letzten Krebszellen beseitigt werden.

Erster Heilerfolg: radioaktive Verstrahlung

Blutkrebs ist heute in vielen Fällen heilbar, und dazu hat auch die Knochen­mark­trans­plantation beigetragen2. Noch in den 70er Jahren war Leukämie bei Kindern ein fast sicheres Todesurteil, heute liegt die Überlebensrate bei immerhin 80 %. In den letzten Jahren hat das Knochenmark dabei jedoch Konkurrenz bekommen: Die notwendigen Stammzellen werden immer häufiger aus dem Blut oder der Nabelschnur gewonnen.

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Blutkrebs ist das wichtigste, aber nicht das einzige Einsatzgebiet von Knochenmark. Schon die ersten Heilerfolge gelangen bei einer anderen Erkrankung: Es waren vier serbische Physiker, die bei einem Unfall radioaktiv verstrahlt wurden6. Der französische Arzt Georges Mathé konnte durch die Transplantation die Physiker so lange am Leben erhalten, bis sich ihr eigenes Knochenmark erholt hatte.

Das war 1958, und schon 1963 (also sechs Jahre vor dem US-Amerikaner Thomas) hatte Mathé den ersten Leukämie-Patienten erfolgreich behandelt7. Mathés Leistungen sind allerdings fast vergessen, und auch bei der Vergabe des Nobelpreises wurde er übergangen.

Herzinfarkt, Multiple Sklerose und andere Erkrankungen

Heute ruhen große Hoffnungen darauf, dass Stammzellen aus dem Knochenmark die Spätfolgen eines Herz­infarkts lindern können3. Doch bislang blieben die Heilerfolge eher begrenzt, und es ist unklar, ob diese Stammzelltherapien das Leben der Patienten verlängern.

Auch wenn Immunzellen das eigene Körpergewebe angreifen, kann die Transplantation von Knochenmark hilfreich sein. Bei der Multiplen Sklerose können Blutstammzellen dabei helfen, das Immunsystem neu zu starten - was besonders in einer frühen Krankheitsphase vielversprechende Resultate erbracht hat8. Auch bei den Autoimmunerkrankungen Sklerodermie und Lupus erythematodes geben ähnliche Studien Grund zur Hoffnung. Doch die Entwicklung geht nur schleppend voran, da viele Ärzte und Patienten vor den Risiken der Chemotherapie zurückschrecken4.

Einen Hoffnungsschimmer bietet die Knochen­mark­trans­plantation auch bei der Schmetterlingshaut, einer schweren Erbkrankheit. Betroffene Kinder reagieren schon auf kleinste Berührungen mit schmerzhaften Blasen und Wunden, die ihr Leben zur Qual machen. Die Risiken der Transplantation sind jedoch enorm, zwei Kinder verstarben während der ersten Studie5. Doch den Eltern bleibt wenig Wahl - allein die Gentherapie könnte irgendwann eine Alternative darstellen.

Das Potenzial der adulten Stammzellen aus dem Knochen­mark scheint noch nicht ausgeschöpft. Doch trotz hoffnungs­voller Ansätze wird man auf neue Therapien noch lange warten müssen: Auch bei Blutkrebs hatte es Jahrzehnte gedauert, bis die Therapie ausgereift war.

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1 R. Storb, Obituary Edward Donnall Thomas, Nature 2012, vol. 491, pp. 334 (link)
2 Gooley et al., Reduced Mortality after Allogeneic Hematopoietic-Cell Transplantation,NEJM 2010, vol. 363 pp. 2091-101 (link)
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Kurz und knapp

  • die Knochen­mark­trans­plantation wird seit über 50 Jahren durchgeführt: Sie ist damit die erste Stammzelltherapie
  • die Transplantation der Stammzellen hat die Überlebensrate bei Blutkrebs wesentlich gesteigert
  • es wird intensiv daran gearbeitet, die Knochen­mark­trans­plantation auch bei anderen Krankheiten anzuwenden