Waskyra – Gentherapie gegen das Wiskott-Aldrich-Syndrom
Die Gentherapie Waskyra kann die Häufigkeit von Infektionen und Blutungen beim Wiskott-Aldrich-Syndrom um etwa den Faktor 10 verringern.
Gentherapie gegen WAS
Das Wiskott-Aldrich-Syndrom ist eine seltene Erbkrankheit, die zu einer erhöhten Blutungsneigung und einer Immunschwäche führt. Ursache ist eine Fehlfunktion des WAS-Gens.
Die Gentherapie Waskyra schleust ein funktionsfähiges WAS-Gen in das Knochenmark ein und kann so die normale Funktion von Blutzellen wiederherstellen. Es ist die erste Gentherapie, die von einer gemeinnützigen Organisation – der Fondazione Telethon aus Italien – entwickelt und auf den Markt gebracht wurde.
Waskyra ist seit Dezember 2025 in den USA zugelassen. Im November 2025 hat die Europäische Gesundheitsbehörde auch die Zulassung in der Europäischen Union vorgeschlagen1, eine Bestätigung durch die EU-Kommission steht jedoch noch aus.
Inhalte
Die Krankheit – Mangel an Blut- und Immunzellen
Bei Menschen, die am Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS) leiden, sind die Bildung und Funktion einiger Blutzellen stark beeinträchtigt. Ausgelöst wird diese Erkrankung durch Mutationen im WAS-Gen, das ausschließlich in diesen Zellen aktiv ist. Die Mutationen werden rezessiv über das X-Chromosom vererbt und führen daher fast ausschließlich bei Jungen zu einer Erkrankung. WAS tritt nur sehr selten auf: Etwa 1 von 100.000 bis 250.000 männlichen Neugeborenen ist betroffen. In Deutschland leben schätzungsweise 300 bis 500 Menschen mit dieser Erkrankung2.
Es gibt verschiedene Mutationen, die WAS auslösen können. Diese Mutationen können die Funktion des WAS-Gens unterschiedlich stark beeinträchtigen. Dementsprechend können auch die Ausprägung und der Verlauf der Erkrankung stark unterschiedlich sein3.
Wichtige Kennzeichen von WAS sind eine hohe Blutungsneigung, wiederkehrende Infektionen und Hautausschläge. Langfristig kann die Störung des Immunsystems auch zu Autoimmun- und Krebserkrankungen führen.
Hohe Blutungsneigung
Alle Menschen mit WAS haben zu wenige Blutplättchen in ihrem Blut (Thrombozytopenie). Blutplättchen spielen eine wichtige Rolle bei der Gerinnung und dem Verschluss von Wunden. Bei dem WAS treten in vielen Fällen bereits in den ersten Lebenstagen kleine Einblutungen in Haut und Schleimhaut auf (Petechien). Blaue Flecken (Hämatome) bilden sich bereits bei leichten Stößen oder Druck.
In schweren Fällen können die Betroffenen später auch unter ernsten Gerinnungsstörungen leiden. Nach Verletzungen treten starke und verlängerte Blutungen auf. Es kann zu blutigen Durchfällen und zu inneren Blutungen (unter anderem im Gehirn) kommen.
Hautausschläge
Bereits nach wenigen Lebenswochen können Hautausschläge auftreten, die einer Neurodermitis ähneln. Die Haut ist trocken und juckt. Kratzwunden bieten Bakterien eine Eintrittspforte. Ursache der Ausschläge ist eine Störung des Immunsystems.
Wiederkehrende Infektionen
Ab etwa dem sechsten Lebensmonat beginnen Kinder, unter wiederkehrenden Infektionen zu leiden. Der Grund dafür ist, dass eine Gruppe von Immunzellen – die T-Zellen und B-Zellen – nur unzureichend aktiviert wird. Die Abwehr von Bakterien, Viren und Pilzen ist daher stark beeinträchtigt. Die Immunschwäche kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein, wird aber in manchen Fällen mit zunehmenden Alter stärker.
Zu den häufigsten Beschwerden zählen Entzündungen im Mittelohr, in den Nasennebenhöhlen und in der Lunge. Infektionskrankheiten nehmen oft einen schwereren Verlauf. Zudem steigt das Risiko einer Blutvergiftung (Sepsis): Im Blut finden sich dann Bakterien und deren giftige Stoffwechselprodukte, die eine schwere, lebensbedrohliche Entzündungsreaktion auslösen können.
Langzeitfolgen der Immunschwäche
Menschen mit WAS haben ein erhöhtes Risiko, an Autoimmunerkrankungen zu leiden. Das Immunsystem richtet sich dabei gegen den eigenen Körper, oft gegen die roten Blutkörperchen oder die Blutplättchen. Grundsätzlich kann aber jedes Körpergewebe Ziel des Immunangriffs sein. Autoimmunerkrankungen können bei Menschen mit WAS in jedem Lebensalter auftreten.
Die Störung des Immunsystems kann auch zur Folge haben, dass sich Krebszellen leichter im Körper ausbreiten. Bei WAS ist vor allem das Risiko von bösartigen Lymphomen erhöht.
Der Nutzen – Blutungen und Infektionen werden deutlich verringert
Die Erfahrungen mit Waskyra beschränken sich bislang auf klinische Studien mit insgesamt 27 Teilnehmern. An der Hauptstudie nahmen 10 Kinder im Alter von 1 bis 9 Jahren teil. Zusätzlich gibt es Daten von 17 weiteren Personen im Alter von 1 bis 35 Jahren1.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Behandlung mit Waskyra die Anfälligkeit für Infektionen deutlich verringert. Hatten die Teilnehmer im Jahr vor der Behandlung noch durchschnittlich 2,0 schwere Infektionen, sank dieser Wert im zweiten Jahr nach der Behandlung deutlich auf 0,15. Im dritten Jahr nach der Behandlung traten dann durchschnittlich 0,12 schwere Infektionen auf.
Vergleichbare Ergebnisse liegen für die Anzahl der Blutungen vor. Vor der Behandlung litten die Betroffenen unter durchschnittlich 2,0 mittleren und schweren Blutungen pro Jahr. Im dritten Jahr nach der Behandlung sank dieser Wert auf durchschnittlich 0,16.
Bei einigen Behandelten hielt die Wirkung vier Jahre lang an. Für längere Zeiträume gibt es noch keine Daten.
Die Therapie – veränderte Stammzellen stellen die Blutfunktionen wieder her
Wie wird Waskyra hergestellt?
Waskyra (etuvetidigene autotemcel) beruht auf körpereigenen Stammzellen und muss daher für jeden Behandelten neu hergestellt werden. Im ersten Schritt werden dazu die Stammzellen aus dem Blut der Betroffenen aufgereinigt. Im Labor werden diese Blutstammzellen mit einem sogenannten lentiviralen Vektor in Kontakt gebracht: Diese Genfähre kann ein korrektes WAS-Gen in die Zellen einschleusen. Die veränderten Stammzellen werden als Waskyra bezeichnet.
Waskyra wird dann über eine Infusion in den Körper gegeben. Vor der Infusion ist jedoch ein Vorbereitungsschritt nötig: Damit sich die neuen Blutstammzellen gut im Knochenmark einnisten können, wird durch eine Chemotherapie die Zahl der alten Knochenmarkzellen verringert (Konditionierung).
Die Infusion von Waskyra erfolgt über eine Vene. Von dort wandern die veränderten Blutstammzellen in das konditionierte Knochenmark, vermehren sich und erzeugen schließlich funktionsfähige Zellen des Immun- und Gerinnungssystems.
Wie wirkt Waskyra?
Waskyra erneuert das Knochenmark: Ein Gentransfer verändert körpereigene Stammzellen und gleicht einen Defekt im Erbgut aus. Die veränderten Stammzellen bringen Blutzellen hervor, die über funktionsfähige WAS-Proteine verfügen. Dadurch können die Blutplättchen das Gerinnungssystem unterstützen und Immunzellen eingedrungene Erreger abwehren.
Ein wichtiger Teil der Behandlung ist die Zerstörung des alten Knochenmarks. Nur so können sich die neuen Blutzellen im Körper durchsetzen und die normalen Blutfunktionen weitgehend wiederherstellen.
Wer darf Waskyra erhalten?
Waskyra ist für Personen gedacht, die unter dem Wiskott-Aldrich-Syndrom leiden und eine Mutation in dem WAS-Gen tragen. Ein Einsatz ist ab einem Alter von 6 Monaten möglich.
Die Betroffene müssen alle Voraussetzungen erfüllen, um für eine Stammzelltransplantation infrage zu kommen. Waskyra ist allerdings nur dann eine Option, wenn kein passender Spender zu finden ist1.
Die Nebenwirkungen – meist ausgelöst durch Vorbehandlung und Infusion
Die Nebenwirkungen von Waskyra gingen meist auf die Eingriffe zurück, die für die Vorbehandlung und Infusion notwendig waren. Dies waren vor allem die Konditionierung, also die Zerstörung des alten Knochenmarks, und die Infusion der Therapie in die Vene. In der Regel waren die Nebenwirkungen nicht schwerwiegend und nur von kurzer Dauer4.
Folgende Nebenwirkungen können auftreten5:
- Hautausschläge
- Infektionen der Atemwege
- Neutropenie mit Fieber
- Infektionen an der Einstichstelle des Katheters
- Erbrechen und Durchfall
- Leberentzündungen
- Petechien (punktförmige Einblutungen in die Haut)
Die Alternativen – Heilung durch Stammzelltransplantation möglich
Die Behandlung hängt stark vom Verlauf der Erkrankung ab2. Bei milden Varianten von WAS ist eine Therapie oft unnötig, während bei der klassischen Verlaufsform eine frühzeitige Behandlung mit Medikamenten in der Regel überlebenswichtig ist. Eine langfristige Heilung ist durch eine Stammzelltransplantation möglich.
Symptomatische Therapien
Medikamente können die Ursache der Erkrankung nicht beseitigen, aber die Symptome lindern. Häufig dienen sie zur Behandlung von Immunschwäche, Autoimmunerkrankungen und Blutungen. Zu den möglichen Therapien zählen:
- vorbeugende Gabe von Antibiotika
- Gabe von Immunglobulinen zur Stärkung der Immunabwehr
- Glukokortikoide zur Linderung von Autoimmunerkrankungen
- Infusion von Blutplättchen vor größeren Operationen oder bei lebensbedrohlichen Blutungen
Heilende Stammzelltherapie
Bei einem klassischen Verlauf von WAS kann möglichst früh eine Stammzelltransplantation erfolgen. Dabei wird das Knochenmark der erkrankten Person zerstört und durch Zellen eines fremden Spenders ersetzt. Dieser Eingriff ist nicht frei von Risiken, kann aber Heilungsraten von bis zu 90 % erzielen.
Voraussetzung für eine Transplantation ist allerdings, dass ein geeigneter Spender zur Verfügung steht. Dessen Blutstammzellen sollten in möglichst vielen Merkmalen mit dem Knochenmark des Erkrankten übereinstimmen. In manchen Fällen bleibt die Suche nach einem passenden Spender jedoch erfolglos.
Die Entwicklung – italienische Stiftung als Vorreiter
Waskyra wurde ursprünglich in Italien entwickelt und durch die Fondazione Telethon finanziert. Das Vermögen dieser gemeinnützigen Stiftung stammt aus einer bekannten italienischen Fernseh-Lotterie. Eine Lizenz zur Vermarktung ging an die britische Firma Orchard Therapeutics, die jedoch 2022 in finanzielle Schwierigkeiten geriet6. Trotz vielversprechender Studien wurde die weitere Entwicklung von Waskyra im Jahr 2022 gestoppt. Die Gewinnaussichten erschienen angesichts der sehr kleinen Patientenzahlen als zu gering.
Kurz darauf wurde Orchard Therapeutics vom japanischen Pharmakonzern Kyowa Kirin übernommen. Die Lizenz für Waskyra ging daraufhin zurück an die Fondazione Telethon, die die weitere Entwicklung eigenständig durchführte. Waskyra ist somit die erste Gentherapie, deren Zulassung nicht durch einen kommerziellen Anbieter erreicht wurde.
Die Fondazione Telethon ist damit ein Vorreiter eines patienten-zentrierten Konzepts, das lebenswichtige, aber kommerziell unrentable Gentherapien der Allgemeinheit zur Verfügung stellen soll. Bereits im September 2023 hat die Stiftung zudem den Vertrieb der Gentherapie Strimvelis übernommen.
Die Kosten – noch nicht bekannt
Es gibt noch keine Angaben zu den möglichen Kosten von Waskyra.
2 Albert und Tallen, Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS), kinderblutkrankheiten.de, Stand Juli 2022 (Link)
alle Referenzen anzeigen
3 H. Ritterbusch, Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS), Universitätsklinikum Freiburg, abgerufen Januar 2026 (Link)4 L. Rudolph, Zulassungsempfehlung: Erste Gentherapie beim Wiskott-Aldrich-Syndrom in Sicht, Pharmazeutische Zeitung, November 2025 (Link)
5 Federal Drug Agency (FDA), FDA Approves First Gene Therapy Treatment for Wiskott-Aldrich Syndrome, Pressemitteilung, Dezember 2025 (Link)
6 Lei Lei Wu, In a first, FDA approves a gene therapy from a nonprofit, Endpoints News, Dezember 2025 (Link)
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Kurz und knapp
- das Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS) führt zu einer Immunschwäche und erhöhter Blutungsneigung
- Ursace von WAS ist ein erblicher Defekt in dem WAS-Gen
- die Gentherapie Waskyra schleust ein funktionsfähiges WAS-Gen in das Knochenmark ein
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- die Nebenwirkungen sind in der Regel moderat und von kurzer Dauer
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- die Kosten für Waskyra sind noch unbekannt