Stammzelle und Medizin: Wo bleibt das Wunder?

     

Diabetes, Herzschwäche, Parkinson - Stamm­zellen sollen alles heilen. Doch trotz anfänglicher Euphorie bewegt sich wenig: Nur wenige neue Stammzell­therapien haben den Sprung in die Klinik geschafft.

Einige Stammzelltherapien haben sich in der Klinik durch­gesetzt. Was sie gemeinsam haben: Alle wurden lange vor der großen Euphorie-Welle entwickelt. Bereits seit 1969 werden Zellen aus dem Knochenmark transplantiert, um das Blut­system von Leukämie-Patienten neu aufzubauen. Verbren­nungen werden seit den 80er Jahren mit Haut-Stamm­zellen behandelt. Und seit einem Jahrzehnt haben sich Nabel­schnur-Stammzellen als Alternative zum Knochenmark etabliert.

Dank ihrer Erfolge galten Stammzelltherapien bald als "Wunder­mittel", und es kam die Hoffnung auf, dass sie auch die großen Volks­leiden heilen können. Hunderte klinische Studien beschäftigten sich allein mit Herz- und Kreislauf­krankheiten - beflügelt von der Tatsache, dass Stammzellen aus dem Knochenmark sich, zumindest in der Petrischale, auch zu Herzzellen entwickeln können. Doch die großen Anstrengungen wurden kaum belohnt: Der erhoffte Neuaufbau von geschädigtem Herzgewebe bleibt ein unerreichtes Ziel.

Kaum Fortschritte

Bei anderen Krankheiten läuft es kaum besser. Einzelne Patienten mit Parkinson profitieren von fetalen Stammzellen, die in ihr Gehirn transplantiert werden, doch bei anderen löst dies schwere Bewegungsstörungen aus - die Krankheit wird schlimmer statt besser. Therapie-Ansätze für Diabetes sind kaum über das Stadium von Tierversuchen hinaus gekommen; ähnliches gilt für Erkrankungen von Leber, Lunge und Darm. Von einem Einsatz im klinischen Alltag ist man weit entfernt.

Erfolgreiche Therapien haben eine Gemeinsamkeit: Sie ver­wenden wachstums­freudige Stammzellen, die aus leicht zugänglichen Quellen gewonnen werden - Knochenmark, Haut, Nabelschnur. Bislang haben sich nur adulte Stammzellen in der Medizin etabliert.

Wachstumsfreudig und leicht zugänglich - das trifft auch auf die umstrittenen embryonalen Stammzellen zu. Erst vor kurzem wurden vier Studien gestartet, die Querschnitts­lähmung und eine Augen­erkrankung behandeln wollen. Im diesem ersten Schritt soll jedoch nur gezeigt werden, dass eine embryonale Stammzelltherapie keine Gefahr für den Patienten darstellt. Erst in nachfolgenden Studien soll dann auch die Wirksamkeit getestet werden - und bis dahin werden noch Jahre vergehen.

Adult, embryonal - oder iPS?

Wer dominiert in Zukunft die Stammzelltherapie - adulte oder embryonale Stammzellen? Beide haben ihre Vor- und Nachteile, und es gibt viele offene Fragen: medizinischer Nutzen, Patent-Probleme, ethische Akzeptanz und die Kosten. Für eine abschließende Antwort ist es noch zu früh.

Und die hochgelobten iPS-Zellen? Selbst bis zu den ersten Tests am Menschen wird es noch viele Jahre dauern, das Krebsrisiko ist bei ihnen noch höher als bei embryo­nalen Zellen. Doch iPS-Zellen könnten für die Entwicklung von Medikamenten höchst hilfreich sein; mit dieser Hoffnung werden in Deutschland gerade 80 Millionen Euro in ein Forschungs-Netzwerk investiert.

Die großen Pharma-Unternehmen haben lange Zeit nur zugeschaut, sie scheuten wohl das Risiko, mit einer derart umstrittene Technologie identifiziert zu werden. Erst seit kurzem strecken sie vorsichtig ihre Fühler aus. So treiben bislang kleinere Firmen (vor allem Advanced Cell Technologies) den Einsatz von embryonalen Stammzellen voran - und werden im Erfolgsfall sicherlich von den Großen aufgekauft.

Nabelschnurblut und -gewebe

Stammzellen aus der Nabelschnur können das Knochenmark ersetzen. Mehrere Firmen bieten die Möglichkeit, direkt nach der Geburt eines Kindes die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut oder dem Gewebe einzufrieren - als Vorsorge für spätere Krankheiten. Doch der Nutzen ist umstritten: Noch fehlt es an Therapien, die eigenes Nabelschnurblut sinnvoll einsetzen können - auch wenn an neuen Anwendungen gerade mit mit Hochdruck gearbeitet wird.

Einfrieren kann man auch unbefruchtete Eizellen: Das Social Freezing soll Frauen so die Möglichkeit geben, ihre Schwangerschaft auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Auch wenn das Konzept neu ist - die Methoden sind teilweise deutlich älter.

Doch neben diesen seriösen Anbieter finden sich leider auch schwarze Schafe: Zweifelhafte Kliniken betreiben ihr Geschäft mit der Ver­zweiflung schwer­kranker Menschen. Weltweit werden Stamm­zell­therapien mit fragwürdigem Nutzen angeboten - viele Ärzte warnen dringend davor, auf ihre Versprechen hereinzufallen.

Nach Jahrzehnten der Grundlagenforschung drängen Stamm­zellen in die Medizin. Das Potenzial erscheint gewaltig, doch die praktische Umsetzung bereitet große Probleme. Trotz all der Euphorie: Bis Stammzell­therapien ihrem Ruf als Wundermittel gerecht werden, ist noch viel Arbeit vonnöten.

Stammzelltherapien

Die Stammzellentherapie verwendet embryonale, fetale, adulte und Nabelschnur-Stammzellen
Viele Ansätze, begrenzter Erfolg: Trotz großem Aufwand haben sich bislang nur wenige Stammzell­therapien in der Klinik durchgesetzt.

Stammzellen und Medizin

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Kurz und knapp 

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  • die ersten medizinischen Tests am Menschen mit embryonalen Stammzellen haben begonnen
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