Stammzellforschung und Ethik

Embryonale Stammzellen beherrschen momentan die ethische Debatte, doch schon bald könnten iPS-Zellen in den Vordergrund rücken: Ihr Potential ist leicht zu missbrauchen.
Eine menschliche Blastozyste an Tag 5. Für die Kirchen bereits ein menschliches Leben, aber Forscher zertören sie, um daraus embryonale Stammzellen zu gewinnen. (Quelle: Ekem)

Problem I: Die embryonale Stammzelle

Um embryonale Stammzellen zu gewinnen, muss ein Embryo zerstört werden. Vernichtet man damit ein menschliches Leben? Der Streit um diese Frage ist stark von religiösen Ansichten geprägt, vor allem die christlichen Kirchen haben deutlich Position bezogen.
Für die katholische Kirche ist die Sachlage eindeutig: Das Leben beginnt mit der Verschmelzung von Ei und Samen, die Zerstörung des Embryo kommt einem Mord nah; die Forschung mit ES-Zellen ist daher grundsätzlich abzulehnen.
Die evangelische Kirche sieht dies differenzierter: Sie wägt den ethischen Status des Embryo gegen den Nutzen für die
Patienten ab, und könnte sich übergangsweise mit dieser Art von Forschung arrangieren. Juden und Moslems hingegen finden das Thema wenig kontrovers: Für sie fängt das Leben erst 40 Tage nach der Befruchtung an. Auch in Asien lösen embryonale Stammzellen kaum Emotionen aus. Es ist die christliche Ethik, die sich mit ihnen schwertut.

Streit-Themen

Beim Menschen noch nicht möglich, aber bei Mäusen schon erfolgreich durchgeführt: iPS-Zellen können auf vielfältige Weise Teil eines lebenden Wesens werden.
Zellhaufen oder Mensch? Forscher betrachten den frühen Embryo eher unter biologischen als unter ethischen Aspekten. Sie weisen gerne darauf hin, dass der Embryo in diesem Stadium noch keine Nervenzellen hat - also auch kein Bewusstsein. Die Hirntod-Diagnose, ein gängiges Todes­­kriterium, folgt der gleichen Logik: Kein Bewusstsein, kein Mensch. Dennoch: Eine wissenschaftliche Definition dafür, wann das menschliche Leben anfängt, gibt es nicht.
Der Begriff "verbrauchende Embryonenforschung" löst nicht nur in Rom Unbehagen aus. Wenn es zur Routine wird, potentiell menschliches Leben im Reagenzglas zu vernichten, ist das fraglos eine Grenzüberschreitung. Und in Zukunft könnte der menschliche Embryo zum Rohstoff für eine Industrie werden, die auf diesem Weg satte Profite einfährt.
Der wissenschaftliche Fortschritt gerät regelmäßig mit der Ethik in Konflikt. So 1967 bei der ersten Herztransplantation, 1978 mit der Geburt des "Retortenbabys" Louise Brown, und 1997 durch die Erzeugung des Klonschafs Dolly. Können wir aus unserer jüngeren Geschichte lernen? Dies zumindest ist die Lektion aus der künstlichen Befruchtung: Wenn der medizinische Nutzen überzeugt, verläuft die ethische Debatte von allein im Sand.

Problem II: Die iPS-Zelle

Wenn wir Stammzellen manipulieren können, können wir auch den Menschen manipulieren. Dies ist keine theore­tische Gefahr, wie ein genauer Blick auf die iPS-Zellen zeigt. Aus diesen lässt sich schon jetzt allerhand züchten: Vorläufer von Keimbahnzellen; chimäre Mäuse, in denen sich unter­schiedliche Individuen mischen; und schließlich sogar eine vollständige Maus.
Was bei Mäusen bereits Wirklichkeit ist, kann in Zukunft auch beim Menschen möglich sein. Wenn man die Fortschritte der Gentechnik mit einbezieht, ergibt sich eine beun­ruhigende Perspektive: Aus jedem Menschen können iPS-Zellen hergestellt werden, das Genom dieser Zellen lässt sich vielfältig verändern, und die so veränderten Zellen werden Teil eines anderen Menschen. Der Eingriff in die Erb­infor­mation des Menschen ist damit kein Science-Fiction mehr.
Zwei Aspekte machen die iPS-Zellen besonders anfällig für Manipulationen: Erstens, sie sind relativ einfach zu erzeugen. Was bei der Dolly-Methode noch wenigen Spezialisten vorbehalten war, kann jetzt in jedem gut ausgestatteten Labor der Welt durchgeführt werden. Zweitens, jedes menschliche Genom ist verfügbar. Ein kleines Hautstück reicht, um daraus iPS-Zellen zu gewinnen.
Die iPS-Zell-Technologie wird sich weiterentwickeln, das ist unvermeidlich und auch wünschenswert: Schließlich kann sie helfen, bis jetzt unheilbare Krankheiten zu therapieren. Doch sie wird auch Möglichkeiten eröffnen, die unsere ethischen Überzeugungen auf eine harte Probe stellen.
Die Gesellschaft muss sich der Gefahren bewusst werden und ethisch bedenkliche Entwicklungen stoppen, bevor sie Fuß gefasst haben. Und das aufstellen, was prominente Stammzell-Forscher schon lange fordern: Klare Regeln und Gesetze, die die Verwendung der iPS-Zellen mit unserer Ethik in Einklang bringen.