Kymriah: CAR-T-Zellen bekämpfen akute lymphatische Leukämie

     

Die erste CAR-T-Zelltherapie der Welt wurde kürzlich in den USA zugelassen. Sie verspricht eine wirksame Behandlung von aggressiven Formen der akuten lymphatischen Leukämie.

CAR-T-Zellen gehören zu den großen Hoffnungen der Krebsmedizin. Die Therapie beruht auf körpereigenen Immunzellen, die mit einem künstlichen Rezeptor auf die Bekämpfung von Krebs programmiert werden. Besonders wirksam sind CAR-T-Zellen bei der Behandlung der akuten lymphatischen Leukämie (ALL).

Ende August 2017 hat die US-Arzneimittelbehörde eine CAR-T-Zelltherapie mit Namen Kymriah, hergestellt vom Schweizer Pharmakonzern Novartis, für die Behandlung von ALL zugelassen. Wann die Zulassung in Europa erfolgt, ist noch nicht klar - wird aber vermutlich nicht allzu lange auf sich warten lassen.

Die Krankheit - akute lymphatische Leukämie (ALL)

ALL ist eine eher seltene Form von Blutkrebs1, die vor allem im jungen Jahren auftritt. Deutschland verzeichnet etwa 3000 Neuerkrankungen pro Jahr2. Die Ursache ist meist eine unkontrollierte Vermehrung der B-Lymphozyten des Immunsystems, die unbehandelt rasch zum Tode führt.

Kymriah

CAR-T-Zellen werden mit einem künstlichen Rezeptor ausge-
stattet und eliminieren Krebszellen

Die Aussichten für das Überleben sind mittlerweile recht gut, etwa 9 von 10 ALL-Patienten können mit Standardtherapien geheilt werden. Bei besonders aggressiven Formen sind Erfolgsraten allerdings wesentlich geringer. Kymriah ist für diese schweren Fälle gedacht: Die Zulassung gilt nur für Kinder und junge Erwachsene bis 25 Jahren, die auf Standardtherapien nicht ansprechen oder bereits zwei Rückfälle erlitten haben.

Der Erfolg - 60 % Überlebensrate erhofft

Kymriah wurde bislang nur an einer begrenzten Zahl von Menschen getestet, und die Beobachtungsdauer blieb meist eher kurz. Die unten genannten Daten müssen daher als vorläufig gelten.

Eine entscheidende Studie mit Namen ELIANA3 konnte jedoch mit beeindruckenden Werten aufwarten. Insgesamt wurden 63 Patienten behandelt, und bei 52 waren nach drei Monaten alle Anzeichen von Krebs verschwunden. Die Daten deuten darauf hin, dass nach einem Jahr etwa 6 von 10 Patienten weiterhin frei von Krebszellen sein könnten. An diesem Punkt sind dann auch die Chancen auf ein längeres Überleben recht gut.

Der Wirkmechanismus - gentechnisch veränderte Immunzellen Kymriah ist eine Kombination aus Zell- und Gentherapie. Ausgangspunkt der Therapie sind körpereigene Immunzellen, zu deren Aufgaben auch der Kampf gegen Krebs gehört. Diese T-Zellen werden aus dem Körper des Patienten isoliert und im Labor mit einem künstlichen Rezeptor ausgestattet, dem chimeric antigen receptor (CAR).

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Wie die Chimäre aus der griechischen Mythologie ist der CAR aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt, die von natürlichen Proteinen stammen. Bei Kymriah ist der CAR gegen das Molekül CD19 gerichtet, das auf allen Krebszellen der ALL-Patienten zu finden ist. Mit Hilfe ihres künstlichen Rezeptors können die CAR-T-Zellen alle CD19-tragenden Zellen identifizieren und beseitigen.

Die Nebenwirkungen - ein gefährlicher Zytokinsturm

Eine Behandlung von Kymriah wird von einer Vielzahl schwerer Nebenwirkungen begleitet, von denen hier nur auf zwei eingegangen werden soll. Die CAR-T-Zellen beseitigen zusammen mit den Krebszellen auch eine wichtige Gruppe von Immunzellen (B-Lymphozyten), da diese auch das Molekül CD19 aufweisen. Die Folge ist ein Immundefekt, der allerdings durch die regelmäßige Transfusion von Antikörper-Präparaten ausgeglichen werden kann.

Erheblich dramatischer verläuft der Zytokinsturm - eine schwere Entzündungsreaktion, die den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht. Ausgelöst wird er durch Signalmoleküle, die von den aktivierten Immunzellen in großen Mengen ausgestoßen werden. In schweren Fällen werden die Auswirkungen lebensbedrohlich, und die Betroffenen müssen auf der Intensivstation versorgt werden. Beim Einsatz von Kymriah kam es bislang noch nicht zu Todesfällen, aber grundsätzlich kann auch dieses Risiko nicht ausgeschlossen werden.

Die Entwicklung - vom Forschungslabor zum Weltkonzern

Entstanden sind die CAR-T-Zellen im Labor von Carl June an der Universität von Philadelphia. June gehört zu den Pionieren auf diesem Gebiet und war schon an den ersten klinischen Studien im Jahr 2010 beteiligt.

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Der Schweizer Pharmakonzern Novartis erwarb die Rechte an den CAR-T-Zellen und beteiligte sich seitdem an der klinische Entwicklung. Novartis führte auch die entscheidende ELIANA-Studie aus, die im August 2017 zur Zulassung von Kymriah in den USA führte.

Die Kosten - 475 000 US-Dollar

Der Preis für Kymriah in den USA auf 475 000 US-Dollar festgelegt. Als Rechtfertigung gelten die hohen Herstellungskosten, die pro Patient etwa 50 000 US-Dollar betragen sollen. Dazu kommt, dass die Entwicklungskosten auf eine relativ kleine Zahl von Patienten umgelegt werden müssen.

Der hohe Preis hat in den USA Kontroversen ausgelöst. Manche Investoren hatten auf einen höheren Preis gehofft, von bis zu 700 000 US-Dollar war im Vorfeld die Rede. Der Präsident einer Patientenvereinigung zeigte sich jedoch empört, da die Entwicklung von Kymriah anfangs mit Steuergeldern finanziert wurde.

1 Gökbuget et al., Die akute lymphatische Leukämie (ALL) des Erwachsenen, Kompetenznetz "Akute und chronische Leukämien" (link)
2 Zentrum für Krebsregisterdaten am Robert Koch-Institut, abgerufen am 5. September 2017 (link)
3 Pressemitteilung von Novartis, Novartis pivotal CTL019 6-month follow-up data show durable remission rates in children, young adults with r/r B-cell ALL, 23. Juni "017 (link)

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Kurz und knapp 

  • die akute lymphatischen Leukämie (ALL) ist ein Blutkrebs, der vor allem junge Menschen trifft
  • in 9 von 10 Fällen lässt sich ALL gut behandeln, aber in besonders aggressiven Fällen sind die Aussichten schlecht
  • Kymriah ist eine Kombination von Zell- und Gentherapie, die seit 2017 in den USA für die Behandlung von aggressivem ALL zugelassen ist
  • Kymriah beruht auf CAR-T-Zellen, die mit einem künstlichen Rezeptor ausgestattet werden
  • auch bei aggressivem ALL haben vermutlich 6 von 10 Patienten die Hoffnung auf ein längeres Überleben
  • Kymriah löst schwere Nebenwirkungen aus, darunter ein Immundefekt und gefährliche Zytokinstürme
  • der Preis von Kymriah beträgt 475 000 US-Dollar