- Werbung -
- Werbung -

Nabelschnurblut – etablierte und experimentelle Therapien

Stammzellen aus der Nabelschnur helfen bei Blutkrebs, Immunschwächen und erblichen Stoffwechselstörungen. Forschende testen auch den Einsatz bei der Zerebralparese und anderen Erkrankungen.

Nabelschnurblut in der Medizin

Transplantationen von Nabelblut in Europa im Jahr 2022. In Klammern die Zahl der Patienten. (Quelle: Passweg et al., 2024)

Im Oktober 1988 erhielt ein Junge mit Fanconi-Anämie das Nabelschnurblut seiner gesunden Schwester. Die Symptome der schweren Erbkrankheit verschwanden daraufhin fast vollständig – es war der erste große Erfolg dieser neuartigen Zelltherapie.

Heute ist das Nabelschnurblut ein fester Bestandteil der Medizin1. Es enthält Stammzellen, aus denen alle Zellarten des Bluts hervorgehen können. Diese sogenannten hämatopoetischen Stammzellen eignen sich für die Behandlung von Erbkrankheiten, bei denen die Funktion des Knochenmarks gestört ist. Dazu gehören Anämien, Immunschwächen und Stoffwechselerkrankungen.

Häufiger findet das Nabelschnurblut jedoch in der Krebsmedizin Anwendung. Wenn Menschen an Leukämien oder Lymphomen erkranken, müssen Ärzte manchmal das erkrankte Knochenmark beseitigen. Die blutbildenden Stammzellen im Nabelschnurblut werden dann eingesetzt, um das Knochenmark von Grund auf zu erneuern.

Forschende testen auch, ob Nabelschnurblut auch bei anderen Erkrankungen helfen kann. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Behandlung der Zerebralparese: Einige Studien deuten an, dass Nabelschnurblut die Symptome dieser frühkindlichen Hirnstörung lindern kann.

Inhalte

Erneuertes Knochenmark nach der Krebstherapie

Einsatz bei Blutkrebs

Die Transplantation von Nabelschnurblut kann dazu beitragen, sehr aggressive Formen von Blutkrebs zu behandeln. Dazu zählen Leukämien, Lymphome und Myelome. Diese Krebsarten entstehen aus Zellen, die im Knochenmark gebildet werden. Bei schweren Krankheitsverläufen ist es daher oft nötig, neben den Krebszellen auch das Knochenmark vollständig zu beseitigen.

Im ersten Schritt der Behandlung erhalten die Betroffenen eine hochdosierte Chemotherapie. Anschließend erfolgt die Transplantation von Stammzellen aus Nabelschnurblut, um ein neues Blut- und Immunsystem aufzubauen.

Der Einsatz bei Blutkrebs ist der häufigste Anwendungsbereich von Nabelschnurblut. Bei der Behandlung von Tumoren in festen Geweben wird es hingegen eher selten eingesetzt.

Die Vorteile – unbelastet und wachstumsfreudig

Die blutbildenden Stammzellen für die Krebstherapie stammen meist von erwachsenen Spendern. Im direkten Vergleich weisen Zellen aus dem Nabelschnurblut allerdings mehrere Vorteile auf2:

  • Die Zellen aus der Nabelschnur sind toleranter gegenüber fremdem Gewebe. Sie greifen den Körper des Empfängers daher seltener an.
  • Dank ihrer Jugend vermehren sich die Zellen sehr gut. Zudem war ihr Erbgut noch so gut wie keinen schädlichen Umwelteinflüssen ausgesetzt.
  • Nabelschnurblut lässt sich einfach gewinnen, ohne der Mutter und dem Kind zu schaden. Danach lässt es sich problemlos über Jahre in flüssigem Stickstoff lagern.
  • Aus dem Nabelschnurblut entstehen Immunzellen, die wirksam gehen Krebs vorgehen können. Der Erfolg der Krebstherapie wird so zusätzlich unterstützt.

Die Nachteile – zu geringe Menge

Die Nabelschnur enthält nur geringe Mengen Blut – und damit auch nur wenige Stammzellen. Dies kann zu Problemen führen: Je weniger Zellen übertragen werden, desto geringer sind die Erfolgsaussichten einer Transplantation.

Bei erwachsenen Patienten kann es dann deutlich länger dauern, bis das Immunsystem wieder aufgebaut ist. In dieser Zeit ist der Körper nur unzureichend vor Krankheitserregern geschützt – das Risiko einer Infektion steigt damit deutlich an.

Das Problem der zu geringen Zellzahlen lässt sich lösen, wenn erwachsenen Patienten die doppelte Menge Nabelschnurblut erhalten. Dafür müssen jedoch zwei geeignete Spenden gefunden und verbraucht werden.

Eine weitere Lösung besteht darin, die Zellen im Labor zu vermehren. Seit 2025 ist in Europa mit Zemcelpro ein Stammzellarzneimittel zugelassen, mit dem sich auch aus kleineren Nabelschnurblutspenden größere Zellzahlen gewinnen lassen. Eine Behandlung mit Zemcelpro führt zu ähnlichen oder sogar besseren Ergebnissen als eine konventionelle Stammzelltransplantation3.

Wie häufig wird Nabelschnurblut bei Krebs eingesetzt?

Trotz seiner Vorteile wird Nabelschnurblut nur vergleichsweise selten eingesetzt. Wesentlich häufiger kommen Blutspenden von Erwachsenen zur Anwendung. Im Jahr 2024 wurden in Europa und einigen anderen Ländern insgesamt 173 Krebspatienten mit Nabelschnurblut behandelt. Etwa die Hälfte davon waren Kinder und Jugendliche. Nur in einem Fall – zur Unterstützung einer anderen Therapie – wurden körpereigene Zellen verwendet4.

In den letzten Jahren hat sich auch eine Alternative zur Stammzelltransplantation etabliert: Lymphome und Leukämien werden zunehmend mit CAR-T-Zellen behandelt. Diese neuartigen Therapien haben wahrscheinlich ebenfalls dazu beigetragen, dass Nabelschnurblut seltener eingesetzt wird.

- Werbung -
- Werbung -

Ausgleich von erblichen Defekten im Knochenmark

Erbliche Immunschwächen

Es gibt seltene Erbkrankheiten, die die Funktion des Immunsystems stark beeinträchtigen. Der Körper kann in diesen Fällen den Krankheitserregern nur wenig entgegensetzen. Häufig besteht die einzige wirksame Therapie darin, das Immunsystem vollständig neu aufzubauen.

Im ersten Schritt der Behandlung wird das Knochenmark mit allen Blutstammzellen vollständig zerstört. Nach einer Transplantation können dann körperfremde Stammzellen das Knochenmark neu besiedeln und ein funktionsfähiges Immunsystem aufbauen.

Diese Therapien werden auch mit Nabelschnurblut durchgeführt, wenn auch selten: Im Jahr 2024 wurden in Europa und einigen anderen Ländern insgesamt 14 Personen behandelt. In vier Fällen kamen dabei Spenden von Geschwistern zum Einsatz4.

Der Einsatz von körpereigenen Stammzellen ist jedoch nur möglich, wenn der genetische Defekt zuvor durch eine Gentherapie behoben wurde. In Europa ist dies seit der Zulassung der Gentherapie Strimvelis im Jahr 2016 möglich.

Erbliche Stoffwechselstörungen

Blutstammzellen können auch Stoffwechselerkrankungen lindern. Dies gilt vor allem für die sogenannten lysosomalen Speicherkrankheiten, die durch den Verlust eines Stoffwechselenzyms verursacht werden. Dadurch sammeln sich in Körperzellen schädliche Substanzen an, die manche Gewebe schwer schädigen können.

Eine Transplantation kann die Erkrankung indirekt lindern: Sie erzeugt neue Immunzellen, die in das geschädigte Gewebe einwandern und dort das fehlende Enzym ersetzen. Im Jahr 2024 wurden im europäischen Raum 16 Betroffene mit gespendetem Nabelschnurblut behandelt4.

Erbliche Hämoglobinopathien

Eine Blutarmut oder Anämie kann entstehen, wenn die Erbinformation für den Blutfarbstoff Hämoglobin defekt ist. Zu den erblichen Formen dieser sogenannten Hämoglobinopathien zählen die Sichelzellanämie und die β-Thalassämie.

Wie bei den erblichen Immunschwächen dient auch hier die Transplantation von Blutstammzellen dazu, das Knochenmark der Betroffenen vollständig zu erneuern. Dies kann die Symptome einer Hämoglobinopathie fast vollständig beseitigen.

Die Therapie von Hämglobinopathien erfolgt nur in seltenen Ausnahmen mit Nabelschnurblut. Im europäischen Raum waren das im Jahr 2024 nur vier Fälle: Drei Spenden stammten von Geschwisterkindern, eine von einem nicht verwandten Kind4.

Neue Studien

Es gibt noch eine Reihe anderer Krankheiten, für die eine Therapie mit Nabel­schnurblut getestet wird5. Dabei handelt es sich häufig um kleine Studien, die nur von einzelnen Forschungslaboren betrieben werden. Viele dieser Ansätze werden vermutlich nie eine Zulassung als Therapie erhalten.

Bei einigen Erkrankungen wurde die Anwendung von Nabelschnurblut jedoch gründlicher untersucht. Hierzu zählen frühkindliche Hirnschäden, Typ-I-Diabetes und Autismus.

Nabelschnurblut gegen frühkindliche Hirnschäden

Frühkindliche Schädigungen des Gehirns können zu Bewegungsstörungen führen, die unter dem Begriff Zerebralparese zusammengefasst werden. Eine wirksame Therapie für diese Störungen gibt es bisher nicht. Zellen aus dem Nabelschnurblut sollen jedoch Botenstoffe freisetzen, die die Entwicklung des Gehirns fördern und andere positive Effekte auslösen.

In sieben Studien wurde dies an über 400 Kindern getestet. Die Ergebnisse waren jedoch nicht eindeutig: Zwar schien es einigen Kindern nach der Behandlung mit Nabelschnurblut etwas besser zu gehen, ein klarer Nachweis für die Wirksamkeit fehlt jedoch.

Ausführliche Informationen zu diesem Thema finden Sie hier: Nabelschnurblut bei Zerebralparese

Kein Erfolg bei Typ-I-Diabetes

Studien mit Nabelschnurblut gibt es auch zu Typ-I-Diabetes, eine der häufigsten Auto­immunerkrankungen im Kindesalter. Die Versuche beruhten auf Berichten, dass Nabelschnurblut beruhigend auf ein aus dem Gleichgewicht geratenes Immunsystem wirkt. Zellen aus der Nabelschnur, so die Hoffnung, könnten auch bei Diabetes die Insulin-produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse vor weiteren Angriffen schützen6.

Eine erste Pilotstudie startete 2008 in den USA, kurz darauf folgten Forscher in China, Australien und Deutschland. Die Amerikaner und die Deutschen präsentierten die Ergebnisse schon vor Jahren – und sie waren wenig ermutigend. Eine heilende Wirkung von Nabelschnurblut konnte nicht nachgewiesen werden. Inzwischen sind die Versuche weitgehend zum Erliegen gekommen.

Autismus – meist negative Ergebnisse

Im Jahr 2014 begannen Forschende, Nabelschnurblut bei autistischen Kindern einzusetzen. Einige Forscher haben diese Versuche bereits früh kritisiert: Sie sahen keine stichhaltige wissenschaftliche Begründung, warum dieser Eingriff den Kindern helfen sollte.

Tatsächlich ergaben drei Studien in den USA kaum Hinweise darauf, dass Nabelschnurblut die Entwicklung autistischer Kinder unterstützen könnte. Signifikante Fortschritte im Sprachvermögen oder Sozialverhalten waren nicht nachweisbar. Dennoch setzte eine angesehen US-Klinik die Versuche bis ins Anfang 2023 fort.

Dennoch werben einige unseriöse Kliniken werben weiterhin damit, dass Nabelschnurblut eine gesichert positive Wirkung auf Autisten habe. Die Eingriffe sind oft sehr teuer, eine wissenschaftlich nachgewiesen Wirkung haben sie jedoch nicht.

Ausführliche Informationen zu diesem Thema finden Sie hier: Nabelschnurblut und Autismus.

1 Sanchez et al., Umbilical Cord Blood Transplantation: Connecting Its Origin to Its Future, Stem Cells Translational Medicine, März 2023 (Link)
2 Nunn et al., Don't Cut the Cord: Why Umbilical Cord Blood Still Deserves a Place in Transplantation, International Journal of Immunogenetics, Juni 2026 (Link)
alle Referenzen anzeigen 3 Cohen et al., Comparison of Outcomes after UM171-Expanded Cord Blood and Six Conventional Donor Source Transplants: A Matched Analysis from the EBMT Registry, Transplantation and Cellular Therapy, Dezember 2025 (Link)
4 Greco et al., The 2024 EBMT activity report: crossing one million HCTs and 20,000 CAR-T. A landmark in cellular therapy, Bone Marrow Transplantation, Mai 2026 (Link)
5 Razak et al., Allogeneic Cell Therapy Applications in Neonates: A Systematic Review, Stem Cells Translational Medicine, Oktober 2023 (Link)
6 E. Obeagu, Umbilical cord blood: a comprehensive review of protective and restorative properties in clinical applications – a narrative review, Annals of Medicine & Surgery, Oktober 2025 (Link)

Nabelschnurblut in der Medizin

Transplantationen von Nabelblut in Europa im Jahr 2022. In Klammern die Zahl der Patienten. (Quelle: Passweg et al., 2024)

Nabelschnurblut

⇒ Nabelschnurblut

  • Die Kosten wert? mehr...
  • Einfrieren: Pro und Contra mehr...
  • Öffentliche oder private Banken? mehr...
  • Anwendung in der Therapie mehr...
  • Stammzellen für jede Gelegenheit? mehr...
  • Nabelschnurblut für Erwachsene mehr...
  • Autismus – ein fragwürdiger Ansatz mehr...
  • Zerebralparese – kaum Fortschritte mehr...

⇒ Nabelschnurgewebe

  • Wie die Nabelschnur das Kind versorgt mehr...
  • Stammzellen in der Nabelschnur mehr...
  • Plazenta-Stammzellen lindern Entzündungen mehr...

Nabelschnurblut

  • Einlagern von Nabelschnurblut: Die Kosten wert? mehr...
  • Nabelschnurblut einfrieren: Pro und Contra mehr...
  • Nabelschnurblut spenden: Öffentliche oder private Banken? mehr...
  • Stammzellen aus Nabelschnurblut: Anwendung in der Therapie mehr...
  • Nabelschnurblut: Stammzellen für jede Gelegenheit? mehr...
  • Nabelschnurblut für Erwachsene mehr...
  • Nabelschnurblut und Autismus – ein fragwürdiger Ansatz mehr...
  • Nabelschnurblut bei Zerebralparese – kaum Fortschritte mehr...

Nabelschnurgewebe

  • Wie die Nabelschnur das Kind versorgt mehr...
  • Stammzellen im Gewebe der Nabelschnur mehr...
  • Plazenta-Stammzellen lindern Entzündungen mehr...

Stammzelltherapie

  • Was können adulte Zellen? mehr...
  • Embryonale Stammzellen auf dem Weg in die Therapie mehr...
  • iPS-Zellen sollen schwere Krankheiten lindern mehr...
  • Nabelschnurblut: Viele Therapien sind noch Wunschtraum mehr...
  • Knochenmark-Transplantation: Die erste Stammzelltherapie mehr...
  • Japan als Vorreiter mehr...
  • Stammzell-Kliniken: Ein Geschäft mit der Verzweiflung? mehr...
  • Wer soll das bezahlen? mehr...

Zugelassene Therapien

  • Holoclar erneuert die Hornhaut der Augen mehr...
  • Alofisel bei Morbus Crohn mehr...
  • Prochymal bei Graft-versus-Host-Reaktion mehr...
Stammzelltherapien
  • Was können adulte Zellen? mehr...
  • Embryonale Stammzellen auf dem Weg in die Therapie mehr...
  • iPS-Zellen sollen schwere Krankheiten lindern mehr...
  • Nabelschnurblut: Viele Therapien sind noch Wunschtraum mehr...
  • Knochenmark-Transplantation: Die erste Stammzelltherapie mehr...
  • Japan als Vorreiter mehr...
  • Stammzell-Kliniken: Ein Geschäft mit der Verzweiflung? mehr...
  • Wer soll das bezahlen? mehr...

⇒ zugelassene Therapien

  • Holoclar erneuert die Hornhaut der Augen mehr...
  • Alofisel bei Morbus Crohn mehr...
  • Prochymal bei Graft-versus-Host-Reaktion mehr...
Stammzellforschung

⇒ Stammzellforschung

  • Was sind Stammzellen? mehr...
  • Welche Arten von Stammzellen gibt es? mehr...
  • Die Blastozyste – Hohlkugel mit potenten Zellen mehr...

⇒ Arten von Stammzellen

Kurz und knapp

  • Nabelschnurblut wird bei schweren Leukämien, Lymphomen und Myelomen eingesetzt
  • es kann auch angeborene Immunschwächen, Anaämien und Stoffwechselstörungen behandeln
  • Studien zeigten erste Erfolge bei der Behandlung von frühkindlichen Hirnschäden
  • der Einsatz von Nabelschnurblut in der Krebsmedizin ging zuletzt zurück
OK

Diese Webseite verwendet Cookies, die für das Bereitstellen der Seiten und ihrer Funktionen technisch notwendig sind.    Info