Nabelschnurblut und Autismus – Studien blieben erfolglos
Kann die Infusion von Nabelschnurzellen autistischen Kindern helfen? In Studien mit hunderten Kindern ist es nicht gelungen, eine Wirksamkeit nachzuweisen.
Heute wird 1 von 110 Kindern als Autist eingestuft – ein deutlich höherer Anteil als noch vor einigen Jahren. Was sich jedoch nicht verändert hat: Die Behandlungsmöglichkeiten sind begrenzt und eine Heilung kaum möglich. Deshalb setzen manche Ärzte und Eltern ihre Hoffnung auf neue, unkonventionelle Ansätze.
Dazu zählt auch der Einsatz von Stammzellen aus der Nabelschnur1. Diese Zellen haben sich seit Jahrzehnten bei der Behandlung von Krebs und bestimmten Erbkrankheiten bewährt. Seit über 10 Jahren testen Forschende auch, ob Nabelschnurzellen die Behandlung autistischer Kinder unterstützen könnten.
Stammzellen sollen eine Entzündungsreaktion lindern
Die Nabelschnur enthält blutbildende Stammzellen, die geschädigtes Knochenmark von grundauf erneuern können. Auf dieser Fähigkeit beruhen die etablierten Anwendungen in der Medizin. Doch Stammzellen aus der Nabelschnur können auch entzündungshemmend wirken. Es ist vor allem diese Eigenschaft, die einen Einsatz bei der Autismus-Therapie interessant macht.
Etwa ein halbes Dutzend Studien haben diesen Ansatz bereits an etwa 500 Kindern getestet. Doch die Ergebnisse sind nicht einheitlich: In Einzelfällen gab es kleinere Fortschritte, doch in der Summe zeigten vor allem die größeren Studien kaum Anzeichen für eine Wirksamkeit.
Dieses Ergebnis hat manche Kritiker nicht überrascht. Ihrer Meinung nach fehlte von Anfang an ein plausibler Wirkmechanismus: Auf welche Art und Weise Nabelschnurzellen einem autistischen Kind helfen könnten, wurde nie zufriedenstellend erklärt.
Die Ursache von Autismus bleibt unklar
Welche Therapie hilft einem autistischen Kind? Diese Frage hat keine einfache Antwort. Denn Autismus ist keine einzelne Krankheit, sondern eine Vielzahl von Störungen mit überlappenden Symptomen.
Jeder Autist ist anders. Entsprechend vielfältig sind auch die möglichen Ursachen der Erkrankung. Einfluss auf das Krankheitsrisiko haben dabei sowohl das Erbgut als auch die Umwelt.
Hunderte Genvarianten im Erbgut
Forschern ist bereits früh aufgefallen, dass das Erbgut bei den autistischen Störungen eine ungewöhnlich starke Rolle spielt. Mindestens 50 Prozent des Krankheitsrisikos gehen auf erbliche Faktoren zurück, viele Studien setzten diese Zahl sogar noch deutlich höher an.
Vermutlich sind hunderte Genvarianten an der Entstehung beteiligt2. Für sich allein vermitteln diese Varianten jedoch nur einen geringen Teil des Risikos. Autistische Störungen entstehen vermutlich durch das Zusammenwirken einer Vielzahl dieser erblichen Faktoren.
Auffällig ist, dass viele dieser Genvarianten die Verknüpfung oder Aktivität von Nervenzellen beeinflussen. Wie genau dieses Zusammenspiel zur Erkrankung beiträgt, ist noch weitgehend unbekannt.
Umwelt und Entzündungsreaktionen
Umweltfaktoren erhöhen das Risiko für autistische Störungen vor allem dann, wenn sich das Kind noch im Mutterbauch befindet. Das junge Nervensystem reagiert besonders empfindlich auf äußere Einflüsse. So steigt das Risiko einer autistischen Störung, wenn die Mutter in den ersten Schwangerschaftsmonaten an einer Infektion leidet. Weitere Risikofaktoren sind ein starkes Übergewicht oder eine Diabetes-Erkrankung der Mutter3.
Möglicherweise stören diese Faktoren die Entwicklung des Gehirns, weil entzündliche Prozesse von der Mutter auf das Kind übergreifen. Forscher fanden auch Hinweise, dass die Aktivität bestimmte Immunzellen fehlgeleitet ist. Diese sogenannten Mikroglia-Zellen sind entscheidend daran beteiligt, funktionsfähige Verbindungen zwischen den einzelnen Gehirnzellen aufzubauen4.
Manche Entzündungsmarker sind auch nach der Geburt noch im Blut nachweisbar. Welche Bedeutung diese Befunde haben, ist allerdings noch unklar5.
Fehlentwicklungen im Gehirn
Im Gehirn von Menschen mit Autismus können messbare Veränderungen auftreten. Das Bild ist allerdings verwirrend: In manchen Gehirnregionen liegen Nervenzellen in einer geringeren Dichte vor, in anderen ist die Dichte erhöht. Zudem ist die Verknüpfung zwischen den Nervenzellen in einigen Fällen verstärkt, in anderen verringert2. Die Befunde sind widersprüchlich und erhellen die Ursachen autistischer Störungen daher kaum.
Klinische Studien testen Stammzellen aus der Nabelschnur
Stammzellen aus der Nabelschnur können Entzündungen lindern. Manche Forscher glauben, dass diese Eigenschaft auch bei autistischen Störungen hilfreich sein könnte. Sie haben diese Annahme bereits an über 500 Kindern getestet.
In der Regel diente das Nabelschnurblut als Quelle für die Stammzellen, in einer Studie wurden jedoch auch Zellen aus dem Nabelschnurgewebe eingesetzt. Einige Studien waren sehr klein und hatten keine Kontrollgruppe – ihre Ergebnisse sind daher nicht sehr zuverlässig1,6.
Im Folgenden werden sechs Studien sowie ein klinisches Programm vorgestellt. Zusammenfassend erwiesen sich die Therapieversuche als sicher, ernsthafte Nebenwirkungen für die behandelten Kinder traten kaum auf. Allerdings gab es auch keine eindeutigen Hinweise darauf, dass sich der Zustand der autistischen Kinder durch den Eingriff wirksam verbessert hat.
1. Duke Universität, Studie mit 25 Kindern (USA, 2017)
Entscheidende Impulse für die Entwicklung dieses neuen Therapieansatzes gab die Ärztin Joanne Kurtzberg. Kurtzberg arbeitet an der Duke Universität im US-amerikanischen North Carolina und gilt als eine Pionierin der Nabelschnurblut-Medizin. Sie entwickelte mehrere neue Therapien: 1993 heilte sie erstmals ein leukämiekrankes Kind mit Nabelschnurblut, 1998 gelang ihr die erste Therapie einer erblichen Stoffwechselkrankheit, und seit 2004 erprobt sie den Einsatz von Nabelschnurblut bei Kindern mit Zerebralparese.
Seit 2014 versucht eine Forschergruppe um Joanne Kurtzberg, ähnliche Erfolge auch bei autistischen Störungen zu erzielen. An der ersten Studie aus dem Jahr 2017 nahmen 25 autistische Kinder teil, denen das eigene Nabelschnurblut in die Vene injiziert wurde. Eine Kontrollgruppe gab es nicht, die Bewertung des Erfolgs beruhte zum Teil auf den Angaben der Eltern.
6 bis 12 Monate nach der Behandlung zeigten Tests, dass sich bei einigen Kindern die Kommunikation und Sozialisation leicht verbessert hatten. Dies galt vor allem für Kinder, die auch schon vorher in Tests besser abgeschnitten hatten. Ernste Nebenwirkungen traten nicht auf.
Die Ergebnisse sind allerdings schwer einzuordnen, da eine Kontrollgruppe fehlte und die Teilnehmerzahl gering war. Die beobachteten Fortschritte könnten auch die natürliche Entwicklung der Kinder widerspiegeln. Die Erkenntnisse dienten daher vor allem zur Vorbereitung einer größeren Studie (siehe unten).
2. Sutter-Institut, Studie mit 29 Kindern (USA, 2018)
Eine weitere Studie fand am US-amerikanischen Sutter-Institut in Sacramento statt. An ihr nahmen 29 autistische Kinder teil, die ihr eigenes Nabelschnurblut erhielten. Trotz der geringen Zahl an Teilnehmern genügte diese Studie höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen, da sie randomisiert und doppelt verblindet durchgeführt wurde.
Die Ergebnisse wurden 2018 veröffentlicht und fielen eindeutig negativ aus. Weder das Sprachvermögen noch das Sozialverhalten der Kinder hatten sich nach 12 bzw. 24 Wochen spürbar verbessert. Der Eingriff hatte keine ernsthaften Nebenwirkungen.
3. Duke Universität, Studie mit 180 Kindern (USA, 2020)
Im Jahr 2020 erschien eine zweite, deutlich größere Studie unter der Leitung von Joanne Kurtzberg (siehe oben). Es nahmen 180 autistische Kinder teil, die in drei Gruppen aufgeteilt wurden: Eine Gruppe erhielt eigenes Nabelschnurblut, eine weitere Gruppe erhielt Nabelschnurblut eines Spenders und die übrigen Kinder dienten als unbehandelte Kontrollgruppe.
Nach sechs Monaten bewerteten die Forscher die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten der Kinder. Das Ergebnis fiel eindeutig negativ aus: Eine Verbesserung der sozialen Fähigkeiten oder eine Verringerung der autistischen Symptome war nicht nachweisbar.
Eine nachträgliche Analyse der Ergebnisse ergab jedoch Hinweise darauf, dass eventuell ein kleiner Teil der Kinder im Vergleich zur Kontrollgruppe geringe Fortschritte gemacht hatte. Die Forschergruppe zog daraus den Schluss, dass weitere Studien angebracht wären.
4. Duke Universität, „Anwendung aus Mitgefühl“ (USA, bis 2023)
Trotz der gescheiterten Studie aus dem Jahr 2020 hat die Duke Universität weiterhin autistische Kinder mit Nabelschnurblut behandelt. Nicht als klinische Studie, sondern im Rahmen des sogenannten Compassionate Use („Anwendung aus Mitgefühl“): In den USA erlaubt dieses Programm die Anwendung von nicht zugelassenen Arzneimitteln. Bis 2023 erhielten mindestens 460 Kinder eine Transplantation, die meisten von ihnen waren Autisten7.
Die Duke Universität arbeitete dabei mit einer privaten Firma zusammen. Die Eltern mussten für die experimentelle Behandlung bezahlen, sodass für die Firma und die Universität ein erheblicher finanzieller Anreiz bestand. Dieser potenzielle Interessenkonflikt hatte zu kontroversen Diskussionen geführt.
Anfang 2023 stoppte die Duke Universität das Programm: Die Gründe dafür wurden nicht mitgeteilt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Behandlung mit Nabelschnurblut den Kindern geholfen hat.
5. Duke Universität, Stammzellen aus Nabelschnurgewebe (USA, bis 2024)
Ab dem Jahr 2019 testete die Gruppe um Joanne Kurtzberg, ob eine andere Art von Stammzellen besser für die Therapie geeignet ist. Dabei handelte es sich um mesenchymale Stammzellen (MSC), die aus dem Gewebe der Nabelschnur gewonnen wurden. In zahlreichen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass diese eine starke entzündungshemmende Wirkung haben.
An der Studie nahmen 137 autistische Kinder teil. In der ersten Phase erhielt die eine Hälfte der Kinder MSC aus gespendetem Nabelschnurgewebe, während die andere Hälfte als unbehandelte Kontrollgruppe diente. In der zweiten Phase erhielten auch die zuvor unbehandelten Kinder eine Infusion mit Stammzellen.
Nach sechs Monaten wurden die Ergebnisse der ersten Phase ausgewertet. Die Gabe der MSC hatte demnach keine nachweisbare Wirkung: Es gab keine Unterschiede bei den sozialen und kommunikativen Fähigkeiten zwischen der Behandlungs- und der Kontrollgruppe.
Die Ergebnisse dieser Studie liegen bereits seit 2024 vor, wurden jedoch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht. Sie sind nur auf einer Webseite der US-amerikanischen Regierung abrufbar8.
6. Kinderklinik in Singapur, Studie mit 20 Kindern (2024)
Im Jahr 2024 hat eine Kinderklinik in Singapur 20 Kinder mit ihrem eigenen Nabelschnurblut behandelt9. Die Ergebnisse fielen negativ aus: 6 bis 12 Monate nach der Behandlung zeigten sich keine signifikanten Verbesserungen in den sozialen und kommunikativen Fähigkeiten der Kinder.
Interessant ist aber auch eine Folgestudie aus dem Jahr 2026, in der das Immunsystem der behandelten Kinder untersucht wurde. Die Forscher wollten so die Frage klären, ob die Infusion von Nabelschnurblut systemische Entzündungsreaktionen lindern kann10. Dazu untersuchten sie Immunzellen im Blut, die wesentlich an der Regulation von Entzündungen beteiligt sind. Auch hier waren die Ergebnisse negativ: Die Zahl dieser Zellen veränderte sich durch die Infusion von Nabelschnurblut nicht.
Gegenwärtiger Stand der klinischen Forschung
Das Fazit der bisherigen Studien ist ernüchternd: Es konnte in keinem Fall eindeutig nachgewiesen werden, dass die Transfusion von Nabelschnurzellen zur Behandlung von autistischen Störungen beiträgt.
Ein großer Teil dieser Studien wurde von Joanne Kurtzberg an der Duke Universität durchgeführt. Dort scheint man die Bemühungen jedoch eingestellt zu haben, denn es wurden keine weiteren Studien bei den US-Behörden angemeldet. Die Forschung wird nun eher im ostasiatischen Raum fortgeführt, wo zuletzt mehrere kleine Studien veröffentlicht wurden.
Es gibt allerdings kommerzielle Kliniken, die Nabelschnurtherapien zu überhöhten Preisen anbieten. Von diesen Kliniken wird dringend abgeraten: Die Wirksamkeit der angebotenen Therapien ist in keiner Weise bewiesen. Sie wurden auch von keiner medizinischen Behörde geprüft oder gar zugelassen.
Zudem besteht die Gefahr, dass diese kommerziellen Kliniken nicht mit der nötigen Sorgfalt arbeiten. Werden die Blutproben dabei unsachgemäß verarbeitet, kann dies ein erhebliches Risiko für das behandelte Kind darstellen. Experten betonen daher, dass eine Therapie mit Nabelschnurzellen nur unter den strikten Auflagen einer kontrollierten klinischen Studie stattfinden sollte9.
Welche Wirkung sollen Nabelschnurblutzellen haben?
Eine neue medizinische Anwendung beruht in der Regel auf einer neuen wissenschaftlichen Hypothese. Diese Hypothese beschreibt, warum und auf welche Weise die neue Therapie den Betroffenen helfen könnte. Die Stammzelltherapie für autistische Störungen beruht dabei auf mehreren Annahmen:
- Entzündungsreaktionen oder eine Fehlleitung des Immunsystems spielen eine wichtige Rolle beim Verlauf der Erkrankung.
- Stammzellen aus der Nabelschnur können diese entzündlichen Reaktionen positiv beeinflussen.
- Eingriffe in das Immunsystem können das Fortschreiten autistischer Störungen verlangsamen, stoppen oder sogar umkehren.
Für diese Annahmen gab es anfangs zwar erste Hinweise, jedoch keine eindeutigen Belege. Im Laufe der Jahre hat sich diese Situation nicht verbessert. Stattdessen gab es Erkenntnisse und Befunde, die weitere Zweifel weckten:
- Die Nabelschnurzellen werden in das Blut injiziert, nicht in das Gehirn. Die Blut-Hirn-Schranke verhindert jedoch, dass Zellen aus dem Blut in das Gehirn einwandern. Die Stammzellen können also höchstwahrscheinlich nicht in das Gehirn vordringen und dort lokale Entzündungsprozesse beeinflussen.
- Eine Studie fand keinen Hinweis, dass die Infusion von Nabelschnurzellen die Aktivität von regulatorischen Immunzellen im Blut verändert10.
- Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass autistische Störungen unterschiedliche Verläufe haben und auf unterschiedlichen Ursachen beruhen. Auch wenn bei Verläufen das Immunsystem beteiligt ist, lassen sich die betroffenen Kinder noch nicht identifizieren.
Somit fehlt eine wissenschaftlich belegte Hypothese, die den Einsatz von Nabelschnurzellen zur Behandlung autistischer Störungen begründet11.
2 Manzo et al., The Long and Winding Road to Understanding Autism, NeuroSci, September 2025 (Link)
alle Referenzen anzeigen
3 Love et al., Prenatal environmental risk factors for autism spectrum disorder and their potential mechanisms, BMC Medicine, September 2024 (Link)4 Meng et al., Microglial Dysfunction in Autism Spectrum Disorder, The Neuroscientist, Dezember 2024 (Link)
5 Volk et al., Atypical cytokine profiles in people on the autism spectrum: a comprehensive systematic review and meta-analysis including 54 cytokines, Molecular Psychiatry, Oktober 2026 (Link)
6 Qu et al., Efficacy and Safety of Stem Cell Therapy in Children With Autism Spectrum Disorders: A Systematic Review and Meta-Analysis, Frontiers in Pediatrics, Mai 2022 (Link)
7 A. Merlan, Duke Has Quietly Discontinued a Costly, Unproven Autism Treatment, Vice, April 2023 (Link)
8 Studie NCT04089579, hCT-MSC in Children With Autism Spectrum Disorder, clinicaltrials.gov, Stand Juni 2026 (Link)
9 Wong et al., Autologous umbilical cord blood infusion for the treatment of autism in young children: A within-subjects open label study on safety (assessed via caregiver report) and efficacy, Autism Research, Juni 2024 (Link)
10 Cho et al., Immune profiling shows limited systemic changes in children with autism after autologous cord blood transfusion, Frontiers in Immunology, Juli 2026 (Link)
11 P. Knoepfler, Fact-checking stem cell therapy for autism: still a risky idea, The Niche, Juli 2021 (Link)
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