Fetale Stammzellen:
Hoffnung für Hirnerkrankungen?

Seit 1987 werden fetale Zellen am Menschen getestet1 - von der deutschen Öffentlichkeit weit­gehend unbeachtet. Die meisten Studien richten sich gegen Parkinson und Chorea Huntington, auch weil es dafür keine alternativen Therapien gibt. Seit kurzem bereiten kleine Biotech-Firmen eine kommerzielle Markteinführung vor2.
Die meisten Hirnerkrankungen sind noch nicht behandelbar. Fetale Stammzellen gehören zu den wenigen prinzipiell aussichtsreichen Optionen, die den Ärzten zur Verfügung stehen.
Fetale Zellen stellen im Moment die einzige praktikable Möglichkeit dar, eine Stammzelltherapie für neurologische Erkrankungen zu entwickeln: Adulte Stammzellen sind im erwachsenen Gehirn sehr selten , und embryonale Stammzellen werden erst in einigen Jahren reif für derartige Anwendungen sein.
Fetale Zellen werden aus Embryos oder Feten in der fünften bis zwölften Schwangerschaftswoche gewonnen. Aufgrund der geringen Größe sind pro Behandlung in der Regel 2-8 Feten notwendig. Fetale Zellen sind außerhalb der Mutter nicht lange lebensfähig, die Feten müssen also in einem Zeitraum von ein bis zwei Tagen anfallen. Da spontane Totgeburten eher selten sind, stammen die Zellen meist aus abgetriebenen Feten.
In den 90er Jahren wurden große Hoffnungen in eine Parkinson-Therapie mit fetalen Zellen gesetzt. Bei dieser Krankheit sterben Dopamin-produzierende Nervenzellen im Gehirn ab, und fetale Zellen sollen sie ersetzen. Tatsächlich konnten fetale Zellen mehr als zehn Jahre nach der Trans­plantation in Patienten nachgewiesen werden: Sie waren offenkundig lebendig und gut in das Gehirn integriert. Doch zur Überraschung der Mediziner zeigten auch einige der fetalen Zellen die Symptome der Parkinson-Krankheit3. Und noch bedenklicher: Der Zustand der meisten Patienten verbesserte sich nur geringfügig, und bei manchen traten sogar erhebliche Nebenwirkungen auf4.

Mehr zu diesem Thema

Die einzige Studie mit fetalen Zellen in Deutschland wurde 2005 an dem Universitätsklinikum Freiburg gestartet. Patienten mit Chorea Huntington wurden fetale Zellen in das Gehirn injiziert. Die Krankheit, auch Veitstanz genannt, tritt meist erst nach dem 35. Lebensjahr auf und entwickelt zunehmend schwerere Symptome: Zuerst verlieren die Betroffenen die Kontrolle über ihre Bewegungen und am Ende leiden sie an vollständiger Demenz. In einem ersten Zwischenbericht erklärte der leitende Arzt Guido Nikkhah, dass zumindest das Fortschreiten dieser Krankheit verlangsamt werden konnte5. Für diese Patienten stellen Stammzellen die einzige Hoffnung dar, eine andere wirkungsvolle Therapie gibt es nicht.
Im Augenblick hat die Euphorie auf Feld der fetalen Zelltherapie deutlich nachgelassen. Die tatsächlich erzielten Erfolge waren im besten Fall moderat. In Kombination mit der Tatsache, dass fetale Zellen nicht einfach zu gewinnen und auch ethisch stark umstritten sind, ist die Zukunft dieser Therapien ungewiss. Andere Arten von Stammzellen versprechen da mehr Aussicht auf Erfolg.
1 Lindvall et al., Fetal dopamine-rich mesencephalic grafts in Parkinson's disease, Lancet 1988, vol. ii, pp. 1483-4
2 Aboody et al., Translating Stem Cell Studies to the Clinic for CNS Repair: Current State of the Art and the Need for a Rosetta Stone, Neuron 2011, vol. 70, pp. 597-613 (link)
3 Kordower et al., Lewy body-like pathology in long-term embryonic nigral transplants in Parkinson's disease, Nature Medicine 2008, vol. 14, pp. 504-506 (link)
4 Freed et al., Transplantation of embryonic dopamine neurons for severe Parkinson's disease, New England Journal of Medicine, vol. 344, pp. 710-9 (link)
5 J. Bidder, Hoffnung für unheilbar Kranke, Focus vom 18.8.2008 (link)
  • Bookmarks