Embryonale Stammzelltherapie bei Querschnittslähmung

     

Ein Querschnittsgelähmter war der erste Mensch, den Ärzte mit embryonalen Zellen behandelten. Geholfen hat ihm das kaum. Doch was wichtiger ist: Es hat ihm auch nicht geschadet.

Am 8. Oktober 2010 - nach vielen Jahren der Vorbereitung - begann die Geschichte der embryonalen Stamm­zell­therapie. Nur wenige Tage zuvor hatte der 21-jährige US-Amerikaner Timothy Atchison einen schweren Autounfall erlitten, der ihn von der Brust abwärts gelähmt zurück­ließ.

Embryonale Stammzelltherapien

Noch ist unklar, ob embryonale Stammzell­therapien Querschnitts­gelähmte heilen können.

In einer Spezialklinik in Atlanta pflanzten Ärzte etwa zwei Millionen embryonale Zellen in sein verletztes Rückenmark ein. Es war ein Experiment mit ungewissem Ausgang: Niemand konnte mit Sicherheit ausschließen, dass die Zellen sich nicht zu Krebs entwickelten.

Vier Jahre später, als das Ergebnis veröffentlicht wurde, ging es dem Patienten nur wenig besser. Experten hatten auch nicht damit gerechnet - die Verletzung des Rückenmarks war so schwer, dass wenig Hoffnung auf Heilung bestand. Wichtig war eine andere Erkenntnis: Die embryonalen Zellen hatten - entgegen anfänglicher Befürchtungen - keine Tumore hervorgerufen. Die Studie wurde fortgesetzt und ist bereits in die nächste Phase eingetreten.

Heilende Zellen des Nervengewebes

In Deutschland erleiden etwa 1000 Menschen jährlich eine Querschnittslähmung. Die Nervenbahnen in ihrem Rückenmark sind durchtrennt und werden kaum wieder zusammenwachsen. Auf Besserung können die Betroffenen nicht hoffen, wirksame Therapien gibt es bislang nicht. Einer der wenigen Hoffnungsschimmer ist die embryonale Stammzelltherapie: Zumindest in Tierversuchen konnten sie schon ihre Wirksamkeit beweisen.

Ein Pionier auf diesem Gebiet ist die US-amerikanische Biotechfirma Geron. Sie kann embryonale Stammzellen in Zellen des Nervengewebes verwandeln - genauer gesagt in Oligodendrozyten. Die natürliche Aufgabe der Oligodendrozyten ist es, Nervenbahnen mit Wachstumsfaktoren zu versorgen und sie mit einer Hülle zu umgeben. Die Hoffnung ist groß, dass diese Zellen auch die Heilung von geschädigtem Gewebe unterstützen können.

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Erste Versuche mit gelähmten Ratten brachten ermutigende Resultate. Dabei war es wichtig, dass die Tiere möglichst bald nach der Verletzung die Oligodendrozyten erhielten. Wenn die Behandlung innerhalb einer Woche erfolgte, verringerten sich die Lähmungserscheinungen im Laufe der folgenden Monate deutlich.

Doch um die Versuche auf Menschen zu übertragen, musste zuerst eine große Gefahr ausgeschlossen werden: die Entstehung von Krebs. Embryonale Stammzellen sind pluripotent - das bedeutet, sie können sich in alle menschlichen Gewebe entwickeln. Und manchmal entstehen dabei auch Tumore.

Gefahr für den Menschen?

Um eine Gefährdung der Patienten auszuschließen, muss die Therapie ausschließlich mit den spezialisierten Oligodendrozyten durchgeführt werden. Embryonale Stammzellen in ihrer ursprünglichen, pluripotenten Form dürfen nicht in den Patienten gelangen. Die amerikanische Gesundheitsbehörde hatte hier große Hürden aufgebaut. Der Antrag, mit dem Geron schließlich die Zulassung erhielt, war rekordverdächtig: Er umfasste mehr als 21 000 Seiten und 24 Studien mit Versuchstieren.

Im Jahr 2009 erhielt Geron als erste Firma weltweit die Erlaubnis, embryonale Zellen am Menschen zu testen. Ein Jahr später konnte die Studie starten1, und dem ersten Patienten sollten bald vier weitere Querschnittsgelähmte folgen. Doch schon ein Jahr später, im November 2011, kam das Aus - wegen Geldmangel2. Ein Umbruch an der Firmenspitze war mit einem Wechsel der Strategie verbunden, die Firma wollte sich auf die Entwicklung von Krebsmedikamenten konzentrieren.

Dies wurde weltweit als großer Rückschlag für die embryonale Stammzelltherapie gedeutet. Doch im Januar 2013 übergab Geron das gesamte Programm an Asterias Biotherapeutics, eine neu gegründete Tochter der amerikanischen Firma BioTime, die von zwei ehemaligen Geron-Managern (und Mitgründern) geleitet wird3. Diese führte die Stammzellstudie dann zu Ende.

Kleine, aber wichtige Fortschritte

Im Mai 2014 stellte Asterias dann die Ergebnisse der ersten Sicher­heits­studie vor: Bei keinem der fünf Patienten traten uner­wünschte Nebenwirkungen auf4. Die Zellen wurden gut vertragen, und nirgendwo zeigten sich Anzeichen für die Entstehung von Krebs. Über einen Heilerfolg konnte allerdings man keine Aussagen machen - dafür war die Studie viel zu klein.

Der Fortschritt war zwar klein, aber wichtig: Der Weg war nun frei für eine Folgestudie, bei der etwa 40 Patienten mitmachen sollen. Die Zahl der Stammzellen wird schrittweise auf das Zehnfache der Anfangsmenge erhöht, also maximal 20 Millionen. Eine weitere Änderung: Die Injektion erfolgt in den oberen Teil des Rückenmarks, während die erste Studie sich noch auf den unteren Bereich konzentrierte.

Die Studie begann im Frühjahr 2015, und bislang sind nur vorläufige Ergebnisse bekannt. Die sind allerdings positiv: Bei fünf Patienten, die mit der bislang höchsten Dosis behandelt wurden, hatte sich die Bewegungsfähigkeit spürbar gebessert5. Die Wirkung hält mindestens ein Jahr lang an6. Ob die positiven Effekte jedoch auf die Stammzelltherapie zurückzuführen ist oder auf natürliche Selbstheilung, bleibt weiterhin unklar.

Selbst wenn in einigen Jahren diese zweite Phase beendet ist, werden danach wohl noch größere Versuche notwendig sein, um eine endgültige Aussage zu ermöglichen. Querschnittsgelähmte werden noch lange warten müssen, bevor endlich klar ist, ob die Hoffnungen in die embryonale Stammzelltherapie berechtigt sind.

klinische Studien mit embryonalen Stammzellen:
Querschnittslähmung - Erblindung - Diabetes
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1 Pressemitteilung der Firma Geron, 11.10.2010 (link)
2 Pressemitteilung der Firma Geron, 14.11.2011 (link)
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Kurz und knapp

  • im Oktober 2010 erhielt erstmals ein Quer­schnitts­gelähmter eine embryonale Stammzell­therapie
  • eine Firma hatte embryonale Zellen in Vorläufer für Nerven­gewebe (Oligo­dendro­zyten) verwandelt
  • Oligodendrozyten sollen die Heilung der Nervenbahnen unterstützen
  • bei den ersten fünf Patiente führte die embryonale Stammzell­therapie zu keiner Verbesserung
  • es gab keine Anzeichen für die Entstehung von Krebs
  • vorläufige Daten eine zweiten, größeren Studie zeigen leichte Verbesserungen in der Bewegungsfähigkeit