deCODE und das Erbgut der Isländer

     

Eine kleine Biotech-Firma kauft die Erbinformation aller Isländer, geht bankrott - und macht am Ende doch noch das große Geschäft.

Die Idee war genial: Isländer leben seit langem abge­schieden vom Rest der Welt, ihr Erbgut blieb abgeschottet von äußeren Einflüssen - ideale Voraus­setzungen, um die genetischen Ursachen von Krankheiten zu erforschen. Und ein Krankheitsgen weist vielleicht die Richtung zu einem neuen Medikament, das - so die Hoffnung - teuer und mit viel Gewinn verkauft wird.

Die Abgeschiedenheit von Island lockt Touristen an - und Genetiker. (Bild: J. Descloitres/NASA)

Leider war der Weg vom Gen zum Medikament steiniger als gedacht, und als dann in Folge der großen Bankenkrise das Geld knapp wurde, stand die Firma vor dem Ende. Doch amerikanische Investoren trieben 14 Millionen Dollar auf, investierten 45 Millionen mehr und machten am Ende den großen Reibach: Im Januar 2013 wurde deCODE für 415 Millionen Dollar an den Biotech-Riesen Amgen verkauft.

Stammbäume als Hobby

Island ist quasi der Wunschtraum eines Genetikers: Etwa im Jahr 900 besiedelten Wikinger und Kelten die Insel, seitdem blieb man weitgehend unter sich. Seuchen und Hungersnöte haben die Bevölkerung - und damit auch die Vielfalt des Erbguts - immer wieder dezimiert. Jeder ist irgendwie mit jedem verwandt, und Stammbäume sind ein nationales Hobby; Familiengeschichten können oft über viele Jahrhunderte zurückverfolgt werden. Und seit 1915 werden auch noch alle Krankenakten gesammelt.

Stabiles Erbgut, geklärte Verwandtschaftsverhältnisse, gut dokumentierte Krankheiten - besser geht es kaum, wenn man den Zusammenhang zwischen Genen und Krankheit aufdecken will. Dies erkannte auch Kari Stefans­son, damals angesehener Professor in Boston, und so gründete er 1996 die Firma deCODE Genetics..

Zwei Jahre später wurden deCODE alle isländischen Patientenakten per Gesetz - der damalige Ministerpräsident war ein Schul­kamerad von Stefansson - zur Verfügung gestellt1. Das Gesetz wurde zwar später vom höchsten Gericht wieder einkassiert, aber das Projekt blieb populär: 140 000 Isländern stellten Blutproben und Daten freiwillig zur Verfügung - fast 50 % der Bevölkerung

Persönlicher Gentest, aber keine Therapie

Rein wissenschaftlich war es ein gewaltiger Erfolg: deCODE entdeckte eine Vielzahl von Krankheitsmarkern und veröffentlichte eine beeindruckende Zahl von hochrangigen Fachpublikationen2. Auch finanziell verliefen die ersten Jahre vielversprechend. Der Pharmariese Hoffmann-LaRoche investierte 200 Millionen Dollar, und man brachte als eine der ersten Firmen einen persönlichen Gentest auf den Markt.

Doch die Entwicklung von neuen Medikamenten - eigentlich als Hauptstandbein der Firma gedacht - war von Rück­schlägen geplagt. Mehrere klinische Studien wurden abgebrochen, da die Medikamente die Hoffnungen nicht erfüllten. Ein Krankheitsmarker macht noch keine Therapie: Diese Erfahrung mussten neben deCODE auch noch andere Firmen machen.

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Im November 2009 war deCODE gezwungen, Insolvenz anzumelden. Aber bereits im Januar 2010 wurde die Firma mit Hilfe von amerikanischem Risikokapital wieder auf die Beine gestellt. Damit verbunden waren einschneidende Veränderungen: Neben Stefansson wurde ein neuer Firmenchef installiert, die Medikamenten-Entwicklung wurde eingestellt, und der Schwerpunkt sollte wieder auf der Entwicklung von Diagnostika liegen3.

Doch erst einmal sorgte man wieder in der Grundlagen­forschung für Schlagzeilen. deCODE nutzte geschickt seine Ressourcen und identifizierte weitere Krankheitsmarker - darunter auch solche für (wie z. B. Alzheimer4). Eine Reihe hochrangiger Publikationen in wissenschaftlichen Journalen stellte den guten Ruf wieder her.

Island behält die Kontrolle

Schließlich erwachte auch das Interesse der Pharma­konzerne neu. Amgen, ein amerikanischer Pionier der Biotech-Industrie, sah in der Expertise von deCODE eine gute Ergänzung zu seinen eigenen Produkten und legte 415 Millionen Dollar auf den Tisch. Kari Stefansson bleibt Präsident von deCODE und wird zusätzlich Vize-Präsident von Amgen5.

2013 wurde ein Teil von deCODE wieder ausgegliedert: Die neue Firma NextCODE bietet Plattformen und Datenbanken an, die eine detaillierte Analyse von Genomdaten ermöglichen6. Auch NextCODE fand bald einen Käufer - im Januar 2015 wurde sie für 65 Millionen Dollar an eine chinesische Biotechfirma veräußert7.

Und das Erbgut der Isländer? Ist inzwischen so gut erforscht wie kein anderes auf der Welt8. Aber die DNA-Proben bleiben auf der Insel, und die Zugangsrechte werden durch einen isländisches Ethik-Ausschuss überwacht. Auch ein großer amerikanischer Konzern kann nicht alles kaufen.

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1 Peep-Show im Wikingerreich, Der Spiegel 1998 (link)
2 J. Kaiser, Cash-Starved deCODE Is Looking For a Rescuer for Its Biobank, Science 2009, vol. 325, p.1054 (link)
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Die Abgeschiedenheit von Island lockt Touristen an - und Genetiker. (Bild: J. Descloitres/NASA)
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