November 2019
Dieser Newsletter von wissensschau.de informiert im Abstand von zwei Monaten über jüngste Entwicklungen bei der Gentherapie und den CAR-T-Zellen.

 

Klinische Studien

CRISPR-Therapie bei deutscher Patientin erfolgreich

Tagesspiegel

Eine 20-jährige Patientin mit Sichelzellanämie benötigt seit neun Monaten keine Bluttransfusionen mehr: Ärzte am Universitätsklinikum Regensburg hatten mit der Genschere CRISPR/Cas9 eine Fehlfunktion des Blutfarbstoffs Hämoglobin korrigiert. Die roten Blutkörperchen der Patientin produzieren seitdem eine fetale Variante des Hämoglobin. Entwickelt wurde die Gentherapie von der Schweizer Firma CRISPR Therapeutics und von Vertex Pharmaceuticals aus Boston.

In den USA wurde eine zweite Patientin behandelt, der es ebenfalls deutlich besser geht. Die CRISPR-Therapie ist damit eine mögliche Alternative zu der bereits zugelassenen Gentherapie Zynteglo, die ebenfalls für die Sichelzellanämie getestet wird. Während Zynteglo das Erbgut mit Lentiviren verändert, wirkt die CRISPR-Therapie nur kurzzeitig auf Stammzellen aus dem Knochenmark ein - das Risiko von Nebenwirkungen könnte daher geringer sein. Belastbare Daten, die diese Hoffnung belegen, werden allerdings vermutlich erst im Mai 2022 vorliegen.

Studie zu Duchenne Muskeldystrophie erneut gestoppt

Muscular Dystrophy News

Ein 7-jähriger Junge mit Duchenne Muskeldystrophie (DMD) leidet unter ernsten Gesundheitsproblemen, deren Ursache wahrscheinlich ein Therapieversuch der US-Firma Solid Bio ist. Die Zahl seiner Blutzellen hat sich verringert, sein Immunsystem zeigt eine Überreaktion, und die Funktion von Herz, Lunge und Nieren ist beeinträchtigt. Im Einvernehmen zwischen der Firma und der US-Arzneimittelbehörde wurde die Studie vorläufig ausgesetzt.

Die Gentherapie verwendet die Genfähre AAV9, um ein verkürztes Microdystrophin-Gen in Muskelzellen zu transportieren. Der Junge erhielt eine hohe Dosis der Genfähre, die in Tierversuchen bereits zu Komplikationen geführt hatten. Er befindet sich nun wieder auf dem Weg der Besserung, bei fünf anderen Patienten traten keine Probleme auf. Die Studie wurde bereits zum zweiten Mal gestoppt, da schon beim ersten Patienten ähnliche Nebenwirkungen auftraten.

Glioblastom: Gentherapie mit An/Aus-Schalter

Ärzteblatt

Eine Gentherapie steuert die zielgenaue Bekämpfung eines Gehirntumors: Immunzellen werden nur in unmittelbarer Nähe des Tumors aktiv und können bei Problemen gestoppt werden. Der erste Test erfolgte bei 31 Patienten mit Glioblastomen in einem fortgeschritten Stadium. Die Behandlung hatte kaum ernsthafte Nebenwirkungen und wurde in einem gewissen Rahmen gut vertragen. Die durchschnittliche Überlebenszeit der Patienten betrug 12,7 Monate und lag damit höher als erwartet.

Die Therapie der US-Firma Ziopharm beruht auf dem Botenstoff IL-12, der die Immunreaktion gegen Krebs fördert, dabei aber häufig schwere Komplikationen auslöst. Um diese Risken zu verringern, wird das IL-12 mit einer Genfähre direkt in die Umgebung des Tumor injiziert und dessen Produktion an die Gabe des Wirkstoffs Veledimex gekoppelt. Sollte das Immunsystem überreagieren, wird Veledimex abgesetzt und die Gentherapie verliert ihre Wirkung. In weiteren Versuchen soll die Gentherapie auch mit anderen Krebsmedikamenten kombiniert werden.

Patienten mit erblicher Muskelerkrankung können besser laufen

Muscular Dystrophy News

Die Gliedergürteldystrophie ist eine erbliche Muskelerkrankung, die Lähmungen im Schulter- und Beckenbereich hervorruft. Eine Gentherapie der US-Firma Sarepta Therapeutics wurde nun an drei Patienten getestet: Neun Monate nach der Behandlung fällt den Kindern zwischen 4 und 13 Jahren das Aufstehen, Treppensteigen und Laufen etwas leichter. Ohne Behandlung hätten sich ihre motorischen Fähigkeiten vermutlich eher verschlechtert.

Eine adenovirale Genfähre konnte in einem Teil der Muskelzellen die Aktivität des Gens ß-Sarcoglycan wieder herstellen. Zwei der Patienten zeigten nach der Behandlung Anzeichen eines Leberschadens, der sich aber gut behandeln ließ. Im weiteren Verlauf der Studie sollen die Patienten mit einer höheren Dosis der Genfähre behandelt werden. Sarepta entwickelt vier weitere Gentherapien, die gegen verschiedene Formen der Gliedergürteldystrophie gerichtet sind.

Forschung

Gentherapie soll epileptische Anfälle unterdrücken

EMBO Molecular Medicine

Forscher aus Berlin und Innsbruck wollen mit einer Gentherapie die häufigste Form der Epilepsie unterdrücken. Erste Tierversuche verliefen erfolgreich: Ratten und Mäuse waren monatelang vor epileptischen Anfällen geschützt, zudem blieb das Gedächtnis und die Lernfähigkeit intakt. Nebenwirkungen waren nicht zu beobachten. Die Ergebnisse ließen sich in menschlichen Gewebeproben bestätigen, Versuche mit Patienten sind jedoch frühestens in einigen Jahren denkbar.

Epileptische Anfälle, die vom Temporallappen des Gehirns ausgehen, können bereits im Kindesalter auftreten und langfristig das Lernvermögen beeinträchtigen. Medikamente wirken oft nur unzureichend, so dass eine chirurgischer Eingriff ins Gehirn unvermeidlich wird. Die Gentherapie bietet eine schonende Alternative: Sie transportiert körpereigene Substanzen in den Temporallappen, die bei Bedarf freigesetzt werden und epileptische Anfälle verhindern. Vor einem Einsatz beim Menschen muss allerdings noch der Transport durch die Genfähre optimiert werden.

Industrie

Zolgensma überrascht Analysten und erzürnt die Kassen

Deutsche Apotheker Zeitung

Etwa 100 Kinder mit spinaler Muskelatrophie wurden bereits mit der Gentherapie Zolgensma behandelt, obwohl die Zulassung in den USA erst im Mai dieses Jahres erfolgte. Allein im dritten Quartal erzielte der Hersteller Novartis über 160 Millionen US-Dollar an Einnahmen, die Erwartungen der Analysten wurden damit deutlich übertroffen. Andere zugelassene Gen- und CAR-T-Zelltherapien können von derartigen Zahlen bislang nur träumen.

Allerdings stand Novartis von Anfang an wegen der hohen Kosten in der Kritik, später kam der ungeschickte Umgang mit einer Datenmanipulation hinzu. Ende Oktober hat die US-Arzneimittelbehörde auch noch zwei laufende Zolgensma-Studien gestoppt: Tierversuche hatten Hinweise auf ernste Entzündungsreaktionen gegeben.

Und im November prangerten Krankenkassen und der Gemeinsame Bundesausschuss eine "beispiellose Medienkampagne" an, mit der Novartis angeblich den Verkauf in Deutschland forcieren will, obwohl noch keine Zulassung vorliegt. Zolgensma ist finanziell offenkundig ein Erfolg, fügt dem Image von Novartis allerdings auch erheblichen Schaden zu.

Gentherapie mit Problemen an der Börse

BioPharmaDive

In Forschung und Klinik geht es rasch voran, doch an der Wall Street setzte es einen Dämpfer: Die Aktienkurse von mindestens 26 Gentherapie-Firmen sind im letzten Jahr gefallen, etwa 18 Milliarden US-Dollar an Börsenwert gingen verloren. Eine Trendwende scheint nicht in Sicht. Gute klinische Daten überzeugen wenig, wenn die Kostenübernahme durch die Krankenkassen ungesichert bleibt und die marktgerechte Herstellung ernste Probleme bereitet. Potenzielle Investoren wollen daher wissen, wie die Gentherapien-Firmen unter diesen Umständen Geld verdienen wollen. Eine Antwort erhalten nur wenige.

Medienspiegel

Ganz undeutsch über Fortschritt freuen

Tagesspiegel

Der Berliner Tagesspiegel hatte sich in den letzten Wochen recht intensiv mit dem Thema Gentherapie beschäftigt. Natürlich kam auch das Thema der immensen Kosten nicht zu kurz, samt der vielfältigen Herausforderungen, die damit auf unser Gesundheitssystem zulaufen. In einem Kommentar fordert Sascha Karberg dennoch dazu auf, das Positive nicht aus den Augen zu verlieren.

Denn die Entwicklung ist wirklich erstaunlich: Vor kaum acht Jahren war etwa die CRISPR-Technologie noch reine Theorie, heute hat sie vielleicht bereits zwei Menschen von einer schweren Krankheit befreit. Auch wenn es nicht unbedingt dem deutschen Naturell entspricht, hält Karberg es für angebracht, sich einfach mal über den medizinischen Fortschritt zu freuen.

 
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