Januar 2026
Dieser Newsletter von wissensschau.de informiert im Abstand von zwei Monaten über jüngste Entwicklungen bei der Gentherapie und den CAR-T-Zellen.
Klinische Studien
In-vivo-Therapie mit CAR-T-Zellen drängt Multiples Myelom zurück
Gelbe Liste
Die US-Firma Kelonia Therapeutics konnte CAR-T-Zellen direkt im menschlichen Körper erzeugen. Bei 4 Studienteilnehmern mit Multiplem Myelom waren die Krebszellen nach einem Monat fast vollständig verschwunden. Im Vergleich zu den etablierten ex-vivo-Therapien fielen die Nebenwirkungen deutlich milder aus. Diese vorläufigen Ergebnisse wurden im Dezember auf einer Fachtagung in den USA vorgestellt.
Kelonia hat einen lentiviralen Vektor entwickelt, der gezielt in T-Zellen eindringt und eine Immunantwort gegen den Myelom-Marker BCMA erzeugt. Die CAR-T-Zellen waren bereits nach 15 Tagen nachweisbar und vermehrten sich ähnlich stark wie bei einer ex-vivo-Therapie. Auch die Wirksamkeit war vergleichbar, allerdings beträgt die längste Behandlungsdauer bislang nur 5 Monate.
Im Gegensatz zu ex-vivo-Therapien erfordert der in-vivo-Ansatz keine einleitende Chemotherapie. Da er nicht individuell für einzelne Patienten hergestellt wird, ist er auch schneller und günstiger anwendbar. Ob die erzielten Ergebnisse jedoch dauerhaft sind und der Ansatz langfristig ohne Risiken ist, wird sich erst im weiteren Verlauf der Studie zeigen.
CRISPR/Cas-Therapie auch bei jüngeren Kindern wirksam
Deutsches Ärzteblatt
Die Gentherapie Casgevy kann auch bei Kindern unter 12 Jahren die Blutbildung normalisieren. Im ersten Jahr nach der Behandlung wurden 4 Kinder mit Sichelzellanämie und 6 Kinder mit β-Thalassämie vor den schwersten Folgen dieser Erbkrankheiten bewahrt. Diese vorläufigen Ergebnisse gaben US-amerikanische Forscher im Dezember auf einer Fachkonferenz bekannt.
Casgevy nutzt die Genschere CRISPR/Cas, um die Produktion von funktionsfähigem Hämoglobin in Blutstammzellen zu ermöglichen. Bei der Sichelzellanämie soll die Therapie schwere Schmerzkrisen verhindern und bei der β-Thalassämie regelmäßige Bluttransfusionen überflüssig machen. Dieses Ziel haben alle Kinder erreicht.
Bislang ist Casgevy erst ab einem Alter von 12 Jahren zugelassen. Eine Behandlung in jüngerem Alter könnte jedoch dazu beitragen, chronische Erkrankungen im späteren Leben zu vermeiden. Der Hersteller Vertex will daher noch dieses Jahr eine erweiterte Zulassung für Casgevy beantragen.
Base Editing unterstützt Therapie von aggressiven Leukämien
New England Journal of Medicine
Eine CRISPR/Cas-Variante kann CAR-T-Zellen so verändern, dass sie auch bei schwer behandelbaren T-Zell-Leukämien (T-ALL) wirksam sind. In einer Studie konnten 9 von 11 Teilnehmern nach dem Eingriff eine Stammzelltransplantation erhalten. 7 Teilnehmer blieben danach bis zu 3 Jahre lang frei von Krankheitsanzeichen. Forscher aus London haben diese Ergebnisse im Dezember im New England Journal of Medicine veröffentlicht.
T-ALL tritt häufig bei Kindern auf. In 1 von 5 Fällen kann der Krebs die Betroffenen so stark schwächen, dass eine potenziell heilende Stammzelltransplantation nicht infrage kommt. Der neue Ansatz nutzt CAR-T-Zellen von fremden Spendern, um die Krebszellen zurückzudrängen. Die Zellen müssen jedoch zuerst durch ein Base Editing verändert werden: Eine CRISPR/Cas-Variante schaltet gezielt drei Gene aus, indem sie einzelne DNA-Basen austauscht.
Diese CAR-T-Zellen sind eine mögliche Option für Menschen, deren T-Zell-Leukämie nicht auf gängige Therapien anspricht. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend, müssen aber noch durch weitere Daten bestätigt werden.
Forschung
Eine Therapie für viele Krankheiten
Nature
Ein Eingriff ins Erbgut kann Gene aktivieren, die ein vorzeitiges Stoppsignal enthalten und daher keine vollständigen Proteine herstellen. Labortests mit menschlichen Zellen zeigten, dass das Einschleusen eines RNA-Moleküls die Produktion von bis zu 70 Prozent der normalen Proteinmenge ermöglichte. Dieser Ansatz könnte bei bis zu einem Drittel aller seltenen Erkrankungen wirksam sein. Eine Forschergruppe der Harvard Universität veröffentlichte die Studie im November in Nature.
Die Methode beruht auf dem Prime Editing, einer Variante des CRISPR/Cas-Verfahrens. Die Forscher schleusten damit eine Variante eines Transfer-RNA-Gens in das Erbgut ein. Dieses Molekül kann vorzeitige Stoppsignale überbrücken, scheint aber die Aktivität natürlicher Stoppsignale nicht zu verändern.
In Zellkulturen gelang es den Forschern, die genetischen Defekte bei zystischer Fibrose, dem Tay-Sachs-Syndrom und dem Batten-Syndrom weitgehend auszugleichen. Bei Mäusen verschwanden alle Symptome des Hurler-Syndroms. Vor einer Anwendung beim Menschen sind allerdings noch weitere Tests erforderlich.
Methoden
Zirkuläre DNA als Alternative zu viralen Vektoren
Nature Communications
Forscher konnten lange DNA-Stücke erfolgreich in Blutstammzellen einschleusen, ohne dabei klassische Genfähren zu nutzen. Entscheidend für den Erfolg war die Verwendung einzelsträngiger DNA-Moleküle, die als geschlossene Ringe vorlagen. Die französische Firma Cellectis veröffentlichte diese Methode im November in Nature Communications.
Der Einbau der DNA in das Erbgut erfolgte mithilfe der Genschere TALEN, ist aber grundsätzlich auch mit verschiedenen CRISPR/Cas-Varianten möglich. Im Vergleich zu AAV-Genfähren hatte dieser Ansatz messbare Vorteile: Die veränderten Stammzellen waren lebensfähiger, konnten sich besser in Mäusen ansiedeln und behielten die Genveränderung häufiger bei.
Der Einsatz von DNA-Molekülen wird seit Jahren getestet, eignete sich bislang aber nur für kleinere Eingriffe im Erbgut. Mit der neuen Methode können nun auch ganze Gene wirksam eingeschleust werden. Sie ist damit eine vollwertige, günstige und sichere Alternative zu veränderten Viren, die meist als Genfähren benutzt werden. Pläne für eine Anwendung beim Menschen sind noch nicht bekannt.
Wirtschaft
Hämophilie-Gentherapien: Ladenhüter statt Milliarden-Umsatz
PharmaVoice
Die Wirksamkeit steht außer Frage, Abnehmer gibt es dennoch kaum: Die Zeit scheint noch nicht reif für drei Gentherapien gegen die Erbkrankheit Hämophilie. Hemgenix erwirtschaftet kaum Gewinne, Roctavian steht zum Verkauf und Durveqtix ist bereits wieder vom Markt verschwunden. Das Online-Magazin PharmaVoice hat im Dezember bei einer US-Patientenorganisation nachgefragt, warum das so ist.
Kaum überraschend: Ein wesentlicher Teil des Problems ist der Preis. Auch wenn sich die Millionenbeträge langfristig rechnen, scheuen viele Kassen die kurzfristige Belastung. Zudem zögern etablierte Kliniken, ihren Patienten die neuen Gentherapien zu empfehlen – und damit eine lukrative Einnahmequelle zu verlieren.
Wenig hilfreich ist auch, dass eine wichtige medizinische Frage noch nicht geklärt ist. Wie lange hält die Wirkung der Gentherapien an? Viele Betroffene warten daher erst einmal ab. Da es bereits wirksame Behandlungen gegen die Hämophilie gibt, besteht für sie kein Druck, sich schnell zu entscheiden. Fraglich ist jedoch, ob die Hersteller der Gentherapien ebenso viel Geduld aufbringen werden.
Neue Zulassungen
Waskyra gegen das Wiskott-Aldrich-Syndrom
Pharmazeutische Zeitung
Im Dezember hat die US-Arzneimittelbehörde die Gentherapie Waskyra gegen das Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS) zugelassen. Bei dieser seltenen Erbkrankheit kann Waskyra die Zahl der Blutungen und schweren Infektionen um den Faktor 10 reduzieren. Die Zulassung in der EU wurde im November empfohlen und wird wohl in absehbarer Zeit erfolgen.
Waskyra schleust eine korrekte Version des WAS-Gens in Blutstammzellen ein. Damit behebt die Therapie einen Mangel an Blutplättchen und eine Störung des Immunsystems. Sie dient vor allem als Alternative zu einer Stammzelltransplantation, falls für die Betroffenen kein passender Stammzellspender zu finden ist.
Entwickelt wurde Waskyra von der italienischen Stiftung Fondazione Telethon. Da sich keine Firma für die Weiterentwicklung der Gentherapie interessierte, übernahm die Stiftung erstmals auch das Zulassungsverfahren. Diese zentrale Rolle einer gemeinnützigen Organisation könnte ein Vorbild für die Behandlung anderer seltener Erbkrankheiten sein.
Itvisma gegen spinale Muskelatrophie
BioPharma Dive
Unter dem Namen Itvisma ist seit November eine Variante der Gentherapie Zolgensma in den USA zugelassen. Sie kommt bei weniger schweren Fällen der spinalen Muskelatrophie zum Einsatz, die nicht bereits im Kindesalter tödlich verlaufen. Itvisma kann die Bewegungsfähigkeit älterer Kinder deutlich verbessern und das Fortschreiten der Erkrankung bei Erwachsenen verhindern.
Im Gegensatz zu Zolgensma wird Itvisma in die Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit eingespritzt. Zudem muss die Dosierung nicht an das Körpergewicht angepasst werden. Die Nebenwirkungen blieben meist mild. In der ersten Studie hielt die Wirkung mindestens 52 Wochen lang an.