Juli 2018
Dieser Newsletter von wissensschau.de informiert im Abstand von zwei Monaten über jüngste Entwicklungen bei der Gentherapie und den CAR-T-Zellen.

 

Klinische Studien

Genschere bei Erbkrankheit: Erste Befunde sind widersprüchlich

Science

Ein Eingriff ins Erbgut scheint den Stoffwechseldefekt Morbus Hunter zu lindern, obwohl das eingeschleuste Gen keine nachweisbare Aktivität entfaltet. Die US-Firma Sangamo behandelte vier Patienten mit einer Variante der Genscheren, den Zinkfingernukleasen. Die ersten biochemischen Analysen nach 16 Wochen lösten Hoffnung und Skepsis zugleich aus.

Der Verlust eines Enzyms, das Zuckerverbindungen abbaut, führt bei Morbus Hunter unweigerlich zu tödlichem Organversagen. Eine mittlere Dosis der Gentherapie reduziert bei zwei Patienten die Menge dieser Verbindungen im Urin deutlich, vom Enzym selbst fehlt jedoch jede Spur. Dieser Widerspruch löste Zweifel an der Wirksamkeit aus, doch Sangamo bleibt optimistisch. Die Firma hofft auf eindeutige Daten bei zwei weiteren Patienten, die demnächst eine höhere Dosis erhalten.

Altersblindheit: Gentherapie könnte Behandlung vereinfachen

BioPharmaDive

Die Behandlung von altersbedingter Makuladegeneration (AMD) erfordert häufige Injektionen ins Auge. Die US-Firma RegenXBio entwickelt eine Gentherapie, die diese belastenden Prozedur auf einen einzigen Eingriff reduziert. Bei einer Studie zeigten sich erste Erfolge: Manche Patienten kamen sechs Monate ohne zusätzliche Injektionen aus.

Die feuchte Variante von AMD wird bislang meist mit monatlichen Injektionen einer entzündungshemmenden Substanz behandelt. RegenXBio hat einen vergleichbaren Wirkstoff in eine AAV-Genfähre verpackt und an 18 Patienten getestet. Erfolge zeigten sich vor allem bei drei von sechs Patienten, die die höchste Dosis erhielten. Eine weitere Erhöhung der Dosis ist geplant.

Gentherapie gegen Hämophilie: Das Immunsystem bereitet Probleme

BioPharmaDive

Patienten mit Hämophilie A benötigen keine Infusionen mehr - die US-Firma Spark könnte mit den Resultaten ihrer Gentherapie zufrieden sein. Allerdings erlitten zwei von zwölf Patienten eine starke Immunreaktion, die den Therapieerfolg zunichte machte. Ob sich diese Therapie zukünftig gegen starke Konkurrenz behaupten kann, ist daher fraglich.

Die von Spark verwendeten AAV-Genfähren basieren auf einem Virus, der in der Bevölkerung weit verbreitet ist. Die unerwünschte Immunreaktion könnte sich also als dauerhaftes Problem erweisen. Ein Konkurrent scheint hier mehr Glück zu haben: Die US-Firma BioMarin blieb von derartigen Komplikationen verschont, zudem scheint ihre Ansatz gegen Hämophilie A wirksamer zu sein. Trotz der Probleme will Spark in den nächsten Monaten die Therapie in einer Phase III Studie weiter vorantreiben.

Variante der CAR-T-Zellen gegen Leberkrebs

Eureka Therapeutics

Genetisch veränderte Immunzellen drängen Leberkrebs zurück: Bei einem Patienten sind sieben Monate nach Therapiebeginn keine Tumorzellen mehr nachweisbar. Die kalifornische Firma Eureka Therapeutics behandelte insgesamt sechs Patienten an einer chinesischen Klinik, in zwei weiteren Fällen zeigte sich zumindest ein Teilerfolg. Da Tumore in festen Geweben meist resistent gegen CAR-T-Zellen sind, ist dieses Ergebnis ein beachtlicher Schritt voran.

Eureka entwickelte eine Variation der CAR-Technologie: Der künstlicher Rezeptor erkennt einen Immunkomplex, der Krebsmarker aus dem Zellinneren an die Oberfläche transportiert. Die Ansatz wurde von den Patienten gut vertragen, häufige Nebenwirkungen wie Zytokinsturm oder Neurotoxizität blieben aus. Die Firma will nun mehr Patienten einschließen und eine weitere Studie in den USA starten.

Forschung

Gentherapie heilt Maus im Mutterleib

Nature Communications

Der Ausbruch der Erbkrankheit ß-Thalassämie kann bei Mäusen bereits vor der Geburt verhindert werden. Forscher der US-amerikanischen Yale Universität korrigierten den genetischen Fehler mit einem Komplex mit DNA, der in den Blutkreislauf ungeborener Feten injiziert wurde. Der Eingriff korrigierte zwar nur 6 % der Mutationen im Knochenmark, für die Erzeugung eines funktionierenden Blutsystems war dies jedoch ausreichend.

Die Therapie beruht auf synthetischen Peptid-Nukleinsäuren, die an das Erbgut binden und natürliche Reparaturprozesse in Gang bringen. Die Forscher glauben, dass ihr Ansatz die Gefahr von Fehlern reduziert. Sollten weitere Tierversuche sich als erfolgreich erweisen, könnte langfristig ein Eingriff beim Menschen über die Nabelschnur erfolgen.

CRISPR bei Hunden mit Duchenne-Muskeldystrophie

Science

Die Genschere CRISPR hat bei Hunden mit Muskelschwäche die Aktivität eines defekten Gens wieder hergestellt. Forscher der Universität Texas korrigierten eine Mutation im Erbgut, die beim Menschen etwa einen von acht Fällen der Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) verursacht. Das Journal Science veröffentlichte die Ergebnisse, die bislang allerdings nur auf vier Tieren beruhen.

Kürzlich gestartete Studien beim Menschen verfolgen einen anderen Ansatz: Eine verkürzte Version des betroffenen Gens Dystrophin wird mit AAV-Genfähren in die Muskeln transportiert. Der Einsatz von CRISPR bietet den Vorteil, dass der Therapieerfolg unter Umständen deutlich länger anhält. Allerdings ist auch die Gefahr von unerwünschten Nebenwirkungen größer.

Industrie

CRISPR-Studie startet in Deutschland

transkript.de

12 Patienten mit ß-Thalassämie werden am Universitätsklinikum Regensburg mit der Genschere CRISPR behandelt. Ab Ende September werden damit erstmals in Europa Menschen mit dieser neuen Form der Gentherapie behandelt. Finanziert wird die Studie von der Schweizer Firma CRISPR Therapeutics sowie Vertex Pharmaceuticals aus Boston.

Das Klinikum in Regensburg gilt als führendes Zentrum bei der Behandlung dieser schweren Erbkrankheit, die eine lebensgefährliche Blutarmut auslösen kann. Die Genschere soll dabei nicht den ursächlichen Gendefekt beheben, sondern die Produktion von fetalem Hämoglobin anschalten, das sonst nur vor und kurz nach der Geburt aktiv ist. Dazu werden Stammzellen aus dem Knochenmark im Labor behandelt und dem Patienten zurückgegeben. Die Studie wird voraussichtlich erst im Mai 2022 beendet sein.

CAR-T-Zellen: Briten akzeptieren Preis für Jugendliche, aber nicht für Erwachsene

BioPharmaDive

Die EU-Behörden haben kürzlich zwei CAR-T-Zelltherapien zugelassen, aber vor der Markteinführung warten noch Preisverhandlungen mit den nationalen Kostenträgern. Diese werden kein Selbstläufer, wie die erste Runde in Großbritannien zeigt. Novartis musste den Listenpreis von Kymriah um fast ein Viertel auf 320 000 Euro senken, um die Kostenübernahme für Jugendliche mit akuter lymphatischer Leukämie zu gewährleisten.

Noch größer sind die Hürden bei Erwachsenen mit Non-Hodgkin-Lyphomen: Die britischen Behörden halten sowohl Kymriah wie auch das Konkurrenzprodukt Yescarta des US-Konzers Gilead für zu teuer. Sie fordern Daten über längere Beobachtungszeiträume sowie einen aussagekräftigen Vergleich mit einer konventionellen Chemotherapie. Die Verhandlungen dauern an.