Mai 2026
Dieser Newsletter von wissensschau.de informiert im Abstand von zwei Monaten über jüngste Entwicklungen bei der Gentherapie und den CAR-T-Zellen.
Klinische Studien
In-vivo-Therapie: CRISPR/Cas überzeugt in entscheidender Studie
CRISPR Medicine News
Die Genschere CRISPR/Cas kann lebensgefährliche Schwellungen unterdrücken, die bei einem hereditären Angioödems (HAE) auftreten. Die Therapie verändert das Erbgut von Leberzellen und stoppt so die Entzündungsreaktion. In einer Studie konnten nach 6 Monaten alle 80 Teilnehmer auf eine Prophylaxe verzichten, 6 von 10 Behandelten erlitten gar keine Schwellungen mehr. Dies gab der Hersteller Intellia Therapeutics im April bekannt.
HAE ist eine seltene Erbkrankheit, die zu plötzlichen Schwellungen in verschiedenen Körperteilen führt. Sind die oberen Atemwege betroffen, droht den Betroffenen der Erstickungstod. Die Genschere inaktiviert das Gen für das Enzym Kallikrein und unterbricht dadurch eine Signal-Kaskade, die zu den Schwellungen führt. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf.
Intellia hat das Zulassungsverfahren in den USA bereits gestartet. Im besten Fall wäre die Therapie Mitte nächsten Jahres verfügbar. Es wäre die erste Zulassung für eine in-vivo-CRISPR-Therapie, also einer Behandlung direkt im Körper der Betroffenen.
In-vivo-Therapie: CAR-T-Zellen gegen Multiples Myelom
Cancer Network
Chinesische Forschende konnten CAR-T-Zellen direkt im Körper erzeugen und so Multiple Myelome wirksam zurückdrängen. In einer kleinen Studie schlug die Therapie bei 4 von 5 Teilnehmern an. Bei 3 Behandelten waren keine Krebszellen mehr nachweisbar. Allerdings betrug die mittlere Beobachtungszeit bislang erst 6 Monate. Diese Ergebnisse erschienen im April in Nature Medicine.
Die Therapie nutzt eine lentivirale Genfähre, die gezielt an T-Zellen andockt. Dadurch sind die CAR-T-Zellen sehr schnell einsatzbereit und eine Behandlung ist auch außerhalb von spezialisierten Zentren möglich. Eine einleitende Chemotherapie ist nicht notwendig. Der Eingriff hatte teilweise schwere Nebenwirkungen, diese waren aber gut behandelbar.
Die gerichtete Genfähre wurde von der belgischen Firma EsoBiotec entwickelt. Die ersten Daten sind noch vorläufig und erlauben keinen aussagekräftigen Vergleich mit konventionellen Therapien. Es ist jedoch geplant, insgesamt 24 Teilnehmer zwei Jahre lang zu beobachten.
Allogene Therapie: Körperfremde CAR-T-Zellen bei Lymphomen
BioPharma Dive
Bei aggressiven B-Zell-Lymphomen könnten körperfremde CAR-T-Zellen das Rückfallrisiko senken. Die Anwendung nach einer Chemotherapie führte dazu, dass bei 7 von 12 Behandelten nach 45 Tagen keine Krebszellen nachweisbar waren. In der Kontrollgruppe waren nur 2 von 12 Teilnehmern krebsfrei. Erfahrungswerte deuten an, dass sich dieser Unterschied spürbar auf die Überlebensrate auswirken könnte. Dies gab die US-Firma Allogene Therapeutics im April bekannt.
CAR-T-Zellen von fremden Spendern bieten zahlreiche Vorteile: Sie sind günstiger, gut verträglich, schnell verfügbar und auch bei geschwächten Patienten einsetzbar. Dennoch konnten die allogenen Therapien bislang kaum überzeugen. In den meisten Studien blieben ihre Wirksamkeit und Wirkdauer hinter der von körpereigenen CAR-T-Zellen zurück.
Experten zweifeln daher zunehmend daran, dass allogene Therapien eine Zukunft haben (siehe Newsletter vom März 2026). Auch wenn die Ergebnisse der aktuellen Studie noch vorläufig sind, meldet sich das Feld nun mit einem deutlichen Lebenszeichen zurück. Aussagekräftige Daten werden voraussichtlich erst Mitte 2027 vorliegen.
Forschung
Astrozyten-CAR gegen Alzheimer
Alzforum
CAR-Moleküle könnten Amyloid-Plaques im Gehirn beseitigen, die an der Entstehung der Alzheimer-Krankheit beteiligt sind. US-Forschende haben dazu den CAR in Astrozyten eingeschleust, der häufigsten Art von Stützzellen im Gehirn. In Mäusen konnte diese CAR-A-Therapie bestehende Plaques beseitigen, die Entstehung neuer Plaques verringern und Stresssymptome in anderen Gehirnzellen lindern. Die Studie erschien im März in Science.
Der CAR bindet an das Amyloid-ß-Protein und löst einen „Fressvorgang‟ in den Astrozyten aus. Eine AAV-Genfähre schleuste das CAR-Gen direkt in das Gehirn der Mäuse ein. Die Untersuchungen zeigten, dass das Gen in vielen Regionen des Gehirns aktiv wurde.
Obwohl weniger Plaques vorhanden waren, hatte sich die Lern- und Gedächtnisleistung der Mäuse nicht verbessert. Zudem hatte die Anwendung der Genfähre anscheinend negative Auswirkungen auf die Aktivität der Tiere. Bis zu einem ersten Test beim Menschen ist es daher noch ein weiter Weg.
Methoden
CAR-T-Zellen mit Stammzell-Eigenschaften
Leibniz-Institut für Immuntherapie
Deutsche Forschende haben gezielt CAR-T-Zellen erzeugt, die Eigenschaften von Stamm- und Gedächtniszellen aufweisen. Eine kleine Studie mit Leukämie-Patienten deutet an, dass diese Zellen mindestens ebenso wirksam sind wie eine herkömmliche CAR-T-Zelltherapie. Sie waren jedoch in deutlich geringeren Dosen wirksam und kamen ohne einleitende Chemotherapie aus. Die Ergebnisse wurden im April im Fachjournal Cell veröffentlicht.
Die Therapie basiert auf den T-Stammgedächtniszellen. Diese natürlichen Immunzellen verfügen über besondere Eigenschaften: Sie erneuern sich selbst, überleben sehr lange und können starke Immunreaktionen auslösen. Dem Forscherteam aus Regensburg ist es gelungen, diese Zellen gezielt anzureichern.
Die erste Studie mit 11 Teilnehmern und einer Kontrollgruppe fand in den USA statt. Bei einzelnen Personen waren nach dem Eingriff keine Leukämie-Zellen mehr nachweisbar. Die Verträglichkeit war meist sehr gut. In weiteren Studien soll die Wirksamkeit nun genauer bestimmt werden.
Logischer Schaltkreis für den CAR
Cell Systems
Logische Schaltkreise können die Zielgenauigkeit von CAR-Zellen erhöhen: Ein aktivierender Rezeptor erkennt den Tumor-Marker, während ein hemmender Rezeptor gesundes Gewebe verschont. Die systematische Analyse von 60 unterschiedlichen Schaltkreisen brachte auch eine überraschende Erkenntnis: Zellen mit optimierten CAR-Schaltkreisen bleiben länger aktiv. Die Studie der US-Firma Senti Biosciences erschien im April im Fachjournal Cell Systems.
CAR-T-Zellen gegen solide Tumore haben oft starke Nebenwirkungen, da viele Krebsmarker auch auf gesundem Gewebe auftreten. Verträglicher wäre ein Schaltkreis, der zwei unterschiedliche CAR-Moleküle über die logische Verknüpfung NOT verbindet. Die aktuelle Studie nutzte nun Labor- und Tierversuche, um wesentliche Komponenten dieser Schaltkreise besser zu verstehen.
Die Forschenden sehen dabei ein großes Potenzial in den NK-Zellen des Immunsystems. CAR-NK-Zellen sind günstig, vergleichsweise einfach zu erzeugen und können Krebs wirksam bekämpfen. Zudem funktionieren viele der in der Studie getesteten Schaltkreise sowohl in T-Zellen als auch in NK-Zellen.
Neue Zulassungen
USA: Kresladi gegen seltene Immunerkrankung zugelassen
Fierce Pharma
Die US-Arzneimittelbehörde hat die Gentherapie Kresladi zur Behandlung der seltenen Immunschwäche LAD-1 zugelassen. Behandelte Kinder hatten erheblich weniger schwere Infektionen und mussten seltener ins Krankenhaus. Kresladi darf angewendet werden, wenn kein Geschwisterkind als Stammzellspender zur Verfügung steht. Dies gab die US-Firma Rocket Pharmaceuticals im März bekannt.
Auslöser von LAD-1 ist ein Defekt im Gen ITGB2. Dadurch können Immunzellen das Protein CD18 nicht erzeugen und Bakterien und Pilze nur schlecht abwehren. Betroffene Kinder benötigen in der Regel eine Stammzelltransplantation zum Überleben. Kresladi verändert die körpereigenen Blutstammzellen, um den Gendefekt zu beheben. Da aber noch keine Langzeitdaten zur Wirkung vorliegen, ist die Zulassung bislang nur vorläufig.
Die erste Behandlung könnte Ende dieses Jahres erfolgen. Der kommerzielle Erfolg wird jedoch voraussichtlich gering ausfallen, da Rocket mit kaum mehr als zehn Patienten im Jahr rechnet. Eine Zulassung in der EU wurde nicht beantragt.
USA: Otarmeni gegen Hörverlust zugelassen
Pharmazeutische Zeitung
Im April erhielt auch die Gentherapie Otarmeni eine Zulassung in den USA. Otarmeni gleicht einen Defekt im OTOF-Gen aus und kann so eine angeborene Form der Taubheit lindern. Eine Studie testete die Wirkung bei 20 Kindern und Jugendlichen. Nach 6 Monaten konnten 8 von 10 Behandelten laute Geräusche wahrnehmen, nach 12 Monaten hatten 4 von 10 ein normales Hörvermögen. Die Nebenwirkungen waren meist moderat und von kurzer Dauer. Dies gab der US-Konzern Regeneron im April bekannt.
In etwa 8 von 100 Fällen wird angeborene Taubheit durch eine Mutation im OTOF-Gen ausgelöst. Ein Mangel des Proteins Otoferlin verhindert dann die normale Kommunikation zwischen den Sinneszellen in der Hörschnecke und dem Hörnerv. Bei der Therapie wird eine AAV-Genfähre über eine Operation direkt in die Hörschnecke eingeschleust.
Regeneron plant, die Therapie kostenfrei abzugeben. Die Gewinnaussichten sind auch gering: Es gibt nur sehr wenige mögliche Abnehmer, zugleich arbeiten aber mindestens drei weitere Firmen an ähnlichen Gentherapien.