- Mit Stammzellen lässt sich viel Geld verdienen. Und das bereits jetzt: Mehr als 20 Webseiten werben für selbst entwickelte Stammzell-Therapien. Die Kliniken stehen an so exotischen Orten wie Bangkok, Bombay oder Peking - aber auch Düsseldorf und Rotterdam. Angeboten werden adulte, fetale oder tierische Stammzellen, behandelt werden Nerven-, Herz- oder Stoffwechsel-Erkrankungen - um nur eine kleine Auswahl zu nennen.
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Private Kliniken bieten Stammzell-Therapien an - und lassen sich teuer dafür bezahlen.
- Die Werbung wendet sich direkt an den Patienten, er muss die Therapie ja auch aus eigener Tasche bezahlen. Und die Kosten sind erheblich: Zahlen zwischen 6 000 und 30 000 Euro werden genannt, Anreise und Unterkunft meist nicht eingerechnet. Wie seriös sind diese Angebote?
- Kanadische Wissenschaftler haben sich die angebotenen Therapien genauer angeschaut und in der renommierten
- Fachzeitschrift Cell Stem Cell darüber berichtet1. Viele dieser Kliniken sind schon seit Jahren aktiv und behaupten, dabei tausenden von Patienten geholfen zu haben. Doch die tatsächlichen Heilungserfolge werden selten konkret benannt, stattdessen überwiegen dehnbare Formulierungen wie "Verbesserung des Wohlempfindens" oder "erhöhte geistige Fähigkeiten".
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Kommentar
Dreiste Quacksalber und absonderliche Therapien - Skurillitäten finden sich auf diesem Gebiet zuhauf.
Doch schwerer zu beurteilen sind die seriöseren Angebote, die die bewährte Methode der Knochenmarks-Transplantation auf weitere Therapiefelder ausdehnen wollen. Niemand hat bewiesen, dass dies wirksam ist - aber ausschließen kann man es auch nicht.
Wer will es einem unheilbar kranken Menschen verdenken, dass er zum letzten Strohhalm greift? Aber dazu raten kann man ihnen nicht - auch Verzweiflung sollte aus Menschen keine Versuchskaninchen machen.
Doch angesichts der Ärzte, die mit unerprobten Therapien ihr Geld verdienen, beschleicht einen ein ungutes Gefühl: Es ist und bleibt ein Geschäft mit der Verzweiflung.
- Mögliche Risiken hingegen werden meist gar nicht angesprochen, und nur selten wird über Patienten berichtet, bei denen ein Heilungserfolg ausblieb. Glaubt man diesen Kliniken, dann sind ihre Stammzell-Therapien wirksam und sicher - doch unabhängige Belege werden nicht aufgeführt.
- Denn erwiesen ist die Sicherheit dieser Therapien nur, wenn es sich um adulte körpereigene Stammzellen aus Knochenmark oder Blut handelt - in allen anderen Fällen wird der Patient zum Versuchskaninchen. Und die Wirksamkeit? Die kanadischen Wissenschaftler werteten alle unabhängigen und seriösen Studien aus, die sich mit der Wirkung von Stammzellen beschäftigten (insgesamt 41 an der Zahl). Das Ergebnis ist ernüchternd: Im Fall von Erkrankungen des Nervensystems (wie Parkinson, Alzheimer und multipler Sklerose) konnte in keiner einzigen Studie eine klare positive Wirkung nachgewiesen werden. Doch gerade für diese Erkrankungen wird am häufigsten geworben.
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- Etwas erfreulicher sind die Ergebnisse bei Herz/Kreislauf-Erkrankungen. Unabhängige Studien berichten über einen positiven Einfluss von Stammzellen auf eine für den Laien eher exotische Herzfunktion - der linksventrikulären Volumenejektionsfraktion. Diese Leistung des Herzens erhöhte sich aber nur um etwa 3 %. Ob dies ausreicht, um den Allgemeinzustand zu verbessern oder die Überlebenschance nach einem schweren Herzinfarkt zu erhöhen, ist noch weitgehend unklar. Auch wenn Hoffnung bestehen mag: Die Stammzell-Therapien für Herz-Krankheiten sind immer noch in der Versuchsphase.
- Als Fazit bleibt: Allgemein warnen Wissenschaftler davor, auf die Angebote der privaten Stammzell-Kliniken einzugehen. Es gibt fast nie einen Beweis, dass die versprochenen Erfolge wirklich eintreten. Dennoch findet sich immer mehr Werbung für Stammzell-Therapien im Internet, was die internationale Stammzell-Gesellschaft ISSCR so alarmiert hat, dass sie eigens eine aufklärende Webseite eingerichtet hat2.
- Bis vor kurzem war eine dieser dubiosen Stammzell-Kliniken sogar in Deutschland aktiv. Das Düsseldorfer XCell-Center nutzte ein Gesetzeslücke bot die Transplantation von körpereigenen Knochenmarkzellen an - trotz massiver Kritik von führenden Experten3. Erst im Mai 2011 konnten die Behörden die Klinik schließen, aber da war die Firma schon ein Fall für den Staatsanwalt: Erst durchlitten zwei kleinen Jungen schweren Komplikationen, dann starb ein 18-Monate altes Kind nach dem Eingriff an Gehirnblutungen4. Als Fazit bleibt: Wer bei dieser Art von Behandlung nur sein Geld verliert, darf sich sogar noch glücklich schätzen.
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1 Lau et al., Stem Cell Clinics Online: The Direct-to-Consumer Portrayal of Stem Cell Medicine, Cell Stem Cell (2008) vol. 3, pp. 591-594 (link)
2 ISSCR, A closer look at stem cells (link)
3 Stellungnahme des Kompetenznetzwerks Stammzellforschung NRW, 4.2.2010 (link)
4 S. Kutter, NRW schließt umstrittene Stammzellklinik in Düsseldorf, Wirtschaftswoche vom 6.5.2011 (link)