- Im Sommer 1978 war Louise Brown, das "Retortenbaby", auf allen Titelseiten - noch etwas zerknautscht von der Geburt aber offenkundig gesund. Doch nicht jeder hatte uneingeschränkte Freude an dem Foto. "Wenn wir der neuen Biologie nicht Grenzen setzen und das Tempo ihrer Entwicklung verlangsamen, so wird sie die Gesellschaft und die Menschheit, wie wir sie kennen, womöglich schon in der nächsten Generation zerstören", zitierte der Spiegel damals einen amerikanischen Wissenschaftler1.
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Freudlos, aber für viele kinderlose Paare die letzte Hoffnung: eine künstliche Befruchtung.
- Viele der damaligen Ängste erscheinen uns heute als übertrieben. Doch noch immer lehnt die katholische Kirche die künstliche Befruchtung mit starken Worten ab: "Die verschiedenen Techniken künstlicher Fortpflanzung, die sich scheinbar in den Dienst am Leben stellen und die auch
- nicht selten mit dieser Absicht gehandhabt werden, öffnen in Wirklichkeit neuen Anschlägen gegen das Leben Tür und Tor"2. Aber bei diesem Thema findet der Vatikan kaum noch Gehör.
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Kommentar
Die Lehren aus der künstlichen Befruchtung sind eindeutig.
Wenn der erste Patient mit Stammzellen geheilt ist, werden alle ethischen Bedenken hinweggefegt. Millionen von Menschen werden dann für sich oder ihre Angehörigen neue Hoffnung schöpfen und einen gewaltigen Erwartungsdruck erzeugen. Kommerzielle Firmen werden Wunderdinge versprechen, und regulierende Maßnahmen - selbst wenn sie nur Wildwuchs beschneiden - sehr unpopulär sein.
Die ethische Debatte in ihrer jetzigen Form kann sich schon bald als Zeitverschwendung herausstellen. Der Mensch wird auf neue Arten manipulierbar werden, ob man nun embryonale Stammzellen dazu benutzt oder die nur scheinbar unproblematischen iPS-Zellen. Über mögliche Folgen wird noch gar nicht diskutiert.
Die Zeit drängt: Wer verbindliche Regeln einführen will, muss sich schon jetzt Gedanken machen. Sonst wird uns die Entwicklung einfach überrollen.
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- Die künstliche Befruchtung ist seit langem zur Normalität geworden, etwa 4 Millionen Kinder kamen dank dieser Technik schon zur Welt. Angesichts des offenkundigen Erfolgs traten ethische Bedenken in den Hintergrund. Doch auch die umsichtige Arbeit einer Regierung trug wesentlich zu der allgemeinen Akzeptanz bei.
- In England, dem Geburtsort von Louise Brown, wurde man sich der möglichen Probleme schon früh bewusst3. Experten wurden angehört, sorgfältig erarbeitete Gesetze in Kraft gesetzt und eine Instanz ins Leben gerufen, die sofort und verbindlich auf neue Entwicklungen reagieren kann. Private Kliniken haben sich an eindeutige Regeln zu halten, die öffentliche Forschung konnte sich auf sicherer Grundlage weiter entwickeln. England spielte auf diesem Gebiet eine unumstrittene und bewunderte Vorreiterrolle.
- Anders die Situation in den USA: Verbindliche Gesetze wurden bis zum heutigen Tag nicht erlassen, die Tätigkeit der kommerziellen Kliniken wird kaum kontrolliert3. Kunden dürfen etwa das Geschlecht des Kindes frei bestimmen - in Europa undenkbar. Die Forschung an nationalen Instituten hingegen ist stark eingeschränkt und darf keine öffentlichen Gelder verwenden: Die Abhängigkeit vom Tropf der Industrie ist so vorprogrammiert.
- Die Parallelen zu der aktuellen Debatte um embryonale Stammzellen sind nicht zu übersehen. Die meisten Regierungen bleiben entweder untätig oder verharren in einer unkonstruktiven Blockadehaltung. Eine Bewegung in der ethischen Diskussion oder gar eine Vorbereitung auf absehbare Entwicklungen findet nicht statt. Und die Pharmaindustrie hofft darauf, dass erste Erfolgsmeldungen alle Widerstände hinwegspülen.
- Erst dann wird man begreifen, dass die Vernichtung von Embryonen nur ein Teil des Problems ist. Die scheinbar unproblematischen iPS-Zellen werden schon bald den Eingriff in die Keimbahn des Menschen erlauben. Das wird Fragen aufwerfen, die die heutige Stammzell-Diskussion harmlos erscheinen lassen. Das Beispiel künstliche Befruchtung zeigt: Wenn Politik und Gesellschaft sich nicht um Antworten bemühen, dann wird der freie Markt sie geben.
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1 Der Spiegel, Nr. 31, 1978 (link)
2 Dignitas Personae, Nr. 15 (link)
3 R. Deech, Nature (2008) vol. 454, pp. 280-281 (link)