- Die Blastozyste - Zellhaufen oder werdender Mensch? Was früher höchstens Spezialisten umtrieb, sorgt heute für Streit und ethische Verwirrung. Denn Blastozysten müssen zerstört werden, um die Versprechungen der embryonalen Stammzelltherapie einzulösen.
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Eine menschliche Blastozyste am Tag 5: Die Zellen im Inneren der Kugel sind auf dem Weg, ein Mensch zu werden. Es sei denn, man gewinnt aus ihnen embryonale Stammzellen. (Quelle: Ekem)
- Am Tag 5 nach der Befruchtung, kurz vor der Einnistung in die Gebärmutter, besteht der Embryo aus einer kleinen, teilweise mit Flüssigkeit gefüllten Kugel - der Blastozyste. Die Handvoll Zellen im Inneren der Kugel entwickeln sich zum Fetus - wenn sie nicht von Forschern zur Gewinnung von embryonalen Stammzellen entnommen werden.
- Potentielles menschliches Leben muss vernichtet werden, um schwerkranken Patienten Hoffnung zu geben. Darf man das? Sieht man die Blastozyste als Zellhaufen, ist sie ein menschliches Gewebe wie Niere und Leber auch: Deren Verwendung für die Forschung wird akzeptiert, eine Transplantation sogar ausdrücklich erwünscht.
- Hält man den Embryo jedoch für ein menschliches Wesen, sind "verbrauchende Forschung" und medizinische Anwendung kaum akzeptabel: Für viele käme das einem Mord gleich.
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Die Blastozyste steht kurz vor der Einnistung in die Gebärmutter. In diesem Stadium gibt nur zwei Sorten von Zellen: Eine wird Teil der Plazenta, aus der anderen entwickelt sich der Fetus.
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Kommentar
Ab wann ist der Mensch ein Mensch? Die Religionen sind sich nicht einig und die Wissenschaft ist an ihre Grenzen gestoßen. Folglich: Eine Antwort, die für alle Menschen akzeptabel ist, gibt es nicht.
Doch diese Debatte könnte schon bald überholt sein. Ein erster Heilerfolg mit embryonalen Stammzellen wird Euphorie auslösen und allerorten Erwartungen wecken. Der Verbrauch von Embryonen wird normal werden, so wie auch die künstliche Befruchtung - nach anfänglicher Empörung - rasch zur Normalität wurde.
Und damit wäre die Frage de facto beantwortet: Kaum jemand wird noch Embryonen das "Mensch-Sein" zugestehen - deren Nützlichkeit für die Medizin würde das nur im Wege stehen.
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In Kürze
- die Weltreligionen sind uneins über den Anfang des menschlichen Lebens; vom ersten bis nach dem vierzigsten Tag nach der Befruchtung reicht das Spektrum
- der Philosoph Peter Singer verknüpft die Mensch-Werdung mit dem Bewusstsein; wann der Embryo die Fähigkeit zur Empfindung erlangt, ist aber unklar
- die Naturwissenschaften beschreiben die Embryonal-Entwicklung als kontinuierlichen Prozess; Zäsuren bilden am ehesten die Einnistung in die Gebärmutter (Tag 5/6) oder die Ausbildung des Primitivstreifens (Tag 14)
- Wer bestimmt den ethischen Status der Blastozyste? Wenn es um die menschliche Existenz geht, wenden sich viele den Religionen zu. Doch fragt man diese nach dem Beginn des menschlichen Lebens, erhält man beinahe so viele Antworten, wie es Religionen gibt.
- Für Hindus und Buddhisten betritt die Seele den Embryo, wenn Samen und Eizelle verschmelzen. Auch für die meisten evangelikalen und katholischen Christen beginnt das Leben mit der Empfängnis - die Embryonenforschung wird daher strikt abgelehnt.
- Die meisten protestantischen Christen sehen das Problem differenzierter: Die Befruchtung ist zwar der Anfang des Lebens, aber zu einem vollwertigen Menschen wird der Embryo erst später. Ein Verbrauch von Blastozysten wird daher mit Bauchschmerzen akzeptiert, wenn die Heilung von todkranken Menschen das Ziel ist.
- Für die jüdischen und islamischen Religionen schließlich ist der frühe Embryo noch kein Mensch - frühestens an Tag 40 empfängt er eine Seele (bis 1869 sah das übrigens auch die katholische Kirche so). Der Forschung mit Blastozysten steht also nichts im Wege.
- Diese kurze Betrachtung macht bereits klar: Einen Konsens werden Religionen nicht herstellen. Zu unterschiedlich ist ihre ethische Bewertung der Blastozyste, zu gegensätzlich die daraus folgende Akzeptanz von Forschung und Medizin .
- Und jenseits der Religionen? Eine klare Position hat der umstrittene Philosoph Peter Singer formuliert1: Solange der menschliche Embryo nicht die Fähigkeit hat, Schmerzen zu empfinden, kann man ihm auch kein Leid zufügen. Die Blastozyste ist für ihn daher noch keine menschliche Person mit ethischen Rechten.
- Damit greift Singer etwas auf, was weithin akzeptiert wird: Der Mensch ist Mensch weil er über Bewusstsein verfügt. Auf dieser Grundlage schalten Ärzte die lebenserhaltenden Maschinen ab, wenn beim Patienten der Hirntod eingetreten ist. Denn ohne funktionierendes Gehirn kein Bewusstsein - und ohne Bewusstsein kein menschliches Leben.
- Wann entwickelt der Embryo ein Bewusstsein? Das weiß man noch nicht. Peter Singer schlägt vor, Versuche mit Embryonen bis zum Entwicklungstag 28 zu erlauben. Ansonsten verweist er diese Frage an die Naturwissenschaften weiter.
- Doch die Wissenschaft hilft nur begrenzt weiter. Der frühe Embryo entwickelt sich rasch, in schneller Folge entstehen neue Zellarten und Gewebe. Diesen Prozess können Forscher beschreiben - und ihn auch in unterschiedliche Stufen einteilen. Aber die sind in hohem Maße willkürlich.
- Die Embryonal-Entwicklung ist im wesentlichen ein kontinuierlicher Prozess, fließend geht eine Stufe in die nächste über. Ein markanter Punkt, an dem der Embryo sprunghaft eine neue Qualität erwirbt, ist nicht auszumachen. Damit tragen auch schon die frühen Formen jedes weitere Entwicklungsstadium als Möglichkeit in sich.
- Dennoch werden oft zwei Ereignisse herausgestellt, die eine gewisse Zäsur darstellen. So ist die Einnistung der Blastozyste in die Gebärmutter (beginnend mit Tag fünf) entscheidend für das Überleben des Embryos. Eventuell steuern Signale aus dem mütterlichen Gewebe sogar die weitere Entwicklung - was bedeuten würde, dass aus der Blastozyste allein gar kein Kind entstehen könnte2.
- Das zweite Ereignis findet an Tag 14 statt. Die erste wahrnehmbare Struktur des Embryos (der Primitivstreifen) erscheint und markiert die beginnende Differenzierung des Zellhaufens. Erst danach bilden sich die verschiedenen embryonalen Gewebe aus. Ein Gremium von englischen Experten schlug daher bereits 1984 vor, die Embryonenforschung bis zum Tag 14 zu erlauben3.
- Zellhaufen oder werdender Mensch - die Frage bleibt unbeantwortet. Religionen und Philosophie schaffen keinen Konsens, der Wissenschaft fehlen klare Kriterien und belastbare Fakten. Die Antwort muss jeder für sich selbst finden.
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1 P. Singer, Die Ethik der Embryonenforschung, Aufklärung und Kritik , Sonderheft Nr. 1 / 1995 (link)
2 C. Kummer, Zum Diskurs der Beurteilung des menschlichen Lebensanfangs, Grenzüberschreitungen. Kulturelle, religiöse und politische Differenzen im Kontext der Stammzellenforschung weltweit. Agenda: Münster 2005, pp. 61-76 (link)
3 Warnock et al., Report of the Committee of Enquiry into Human Fertilisation and Embryology, 1984 (link)
