Oktober 2017
Dieser Newsletter von wissensschau.de informiert im Abstand von zwei Monaten über jüngste Entwicklungen bei der Gentherapie und den CAR-T-Zellen.

 

Klinische Studien

CAR-T-Zellen "von der Stange": Erster Patient, erster Toter

MIT Technology Review

CAR-T-Zellen von fremden Spendern sind universell anwendbar, schneller einsatzbereit und günstiger zu produzieren - ihre Entwicklung hinkt jedoch den patienten-eigenen Zellen hinterher. Die französische Firma Cellectis begann im August eine Studie, um die Anwendung bei zwei Formen von Blutkrebs voranzutreiben. Doch der Start ist gründlich misslungen: Ein 78-jähriger Patient verstarb fünf Tage nach der Behandlung.

Todesursache war ein Zytokinsturm, der auch bei anderen Arten von CAR-T-Zellen eine häufige Komplikation darstellt. Eine zweite Teilnehmerin der Cellectis-Studie litt ebenfalls an schweren Nebenwirkungen, konnte diese aber unbeschadet überwinden. Die in den USA stattfindende Studie wurde dennoch vorläufig gestoppt. Sie wird wohl bald wieder anlaufen, allerdings vermutlich mit verringerter Dosis: Produkte von gesunden Spendern scheinen deutlich potenter als patienten-eigene CAR-T-Zellen zu sein.

Harte Konkurrenz bei Hämophilie A

BioPharmaDive

Gleich drei US-Unternehmen arbeiten an einer Gentherapie für die Erbkrankheit Hämophilie A. Nachdem bereits im Juli die Firma BioMarin mit hoffnungsvollen Ergebnissen glänzen konnte, zog Anfang August der Konkurrent Spark mit ersten Daten nach: Bei zwei Patienten stieg die Konzentration des Gerinnungsfaktors VIII auf immerhin gut 10 % des Normalwerts an.

Der dritte Wettbewerber startete Ende August mit dem ersten Patienten. Die Firma Sangamo, in Kooperation mit dem Pharmariesen Pfizer, setzt wie die Konkurrenten auf AAV-Vektoren, um den Faktor VIII in den Körper einzuschleusen. Die Firmen drängen auf einen kleinen Markt: Hämophilie A ist eine seltene Krankheit, die in Deutschland nur wenige tausend Menschen betrifft.

Gentherapie lindert Parkinson Krankheit

Science of Parkinson's

Parkinson bleibt auf absehbare Zeit unheilbar, aber eine Gentherapie könnte zumindest eine bestehende Therapie unterstützen. Das Medikament Levodopa gehört zu den wenigen guten Optionen, die schwer betroffenen Parkinson-Patienten bleiben, aber es verliert im Laufe der Zeit unweigerlich seine Wirkung. Ein AAV-Vektor soll im Gehirn die Menge eines natürlichen Stoffwechselenzyms erhöhen und damit die Wirksamkeit von Levodopa verlängern.

Die US-Firma Voyager Therapeutics stellte nun vorläufige Daten vor, die positiver als bei bisherigen Gentherapien für Parkinson ausfallen. Bei 15 Parkinson-Patienten erwiesen sich vor allem höhere Dosen der Gentherapie als wirksam, schwere Nebenwirkungen blieben aus. Die Einnahme von Levodopa sank um bis zu 40 %, zugleich verbesserte sich die Motorik und die Lebensqualität deutlich. Voyager will bereits im Jahr 2018 eine Folgestudie mit etwa 40 Patienten starten.

Forschung

Muskeldystrophie: Versuche mit Hunden weisen den Weg in die Klinik

Nature Communications

Die Muskeldystrophie des Typs Duchenne ist bislang nicht behandelbar: Der fortschreitende Verlust der Muskelkraft führt unweigerlich zum Tod, meist im frühen Erwachsenenalter. Bei Hunden, die unter einer sehr ähnlichen Krankheit leiden, erzielten europäische Forscher nun einen großen Erfolg.

Zwölf erkrankte Golden Retriever wurden mit einem AAV-Vektor behandelt, der eine verkürzte Version des defekten Gens Dystrophin in die Muskeln transportierte. Der Erfolg war beeindruckend: Das Fortschreiten des Muskelschwunds wurde gestoppt, zum Teil sogar verlorene Kraft wieder aufgebaut. Der Effekt der Therapie hält anscheinend mindestens zwei Jahre an. Erste klinische Studien mit Menschen sind damit ein großes Stück näher gerückt.

Diabetes und Übergewicht: Gentherapie über transplantierte Haut

Cell Stem Cell

Altersbedingte Diabetes und Übergewicht werden zunehmend zum Problem. Ein Hormon namens Glucagon-like Peptid 1 (GLP1) könnte helfen: Es reduziert den Appetit und steigert die Freisetzung von Insulin, was zu einem sinkenden Blutzuckerspiegel beiträgt. Doch GLP-1 hat im Blut nur eine kurze Halbwertzeit, zudem ist es oral nur schwer zu verabreichen.

Forscher an der Universität Chicago statteten Hautstammzellen der Maus mit einer GLP1-Variante aus, die etwa drei Monate im Blut haltbar ist. Ein genetischer Schalter ermöglicht es, die Aktivität zu steuern. Nach einer Transplantation produzierten Mäuse mehr Insulin, hatten einen niedrigeren Blutzuckerspiegel und nahmen bei fettreicher Nahrung weniger zu. Die Forscher halten Hauttransplantate für sehr sicher, da sie im Gegensatz zu viralen Vektoren keine gefährliche Immunreaktion auslösen.

Industrie

Kymriah - erstmals CAR-T-Zellen für Krebstherapie zugelassen

STAT News

Novartis erhielt als erste Firma die Genehmigung, in den USA eine Therapie mit CAR-T-Zellen auf den Markt zu bringen. Unter dem Namen Kymriah soll sie Kindern und jungen Erwachsenen helfen, die an einer aggressivem Form der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) leiden. Voraussetzung ist jedoch, dass die Patienten nicht auf Standardtherapien ansprechen oder bereits zwei Rückfälle erlitten haben.

Angesichts der Schwere der Krankheit sind die Aussichten auf Erfolg gut: Bis zu 60 % der Patienten haben die Chance, langfristig überleben. Unter den jetzigen Bedingungen bleibt die Zahl der möglichen Patienten sehr klein: In den USA kommen jährlich kaum 600 Menschen in Frage. Für Aufsehen regte der Preis - eine Behandlung soll 475 000 US-Dollar kosten (mehr im Medienspiegel).

Zweite CAR-T-Zelltherapie folgt auf den Fuß

Forbes

Nur wenige Wochen nach der Zulassung von Kymriah (s.o) wurde in den USA eine zweite CAR-T-Zelltherapie zugelassen. Entwickler der Therapie mit Namen Yescarta war die Firma Kite, die kürzlich vom Pharmakonzern Gilead für knapp 12 Milliarden US-Dollar übernommen wurde. Yescarta soll bei verschiedenen Formen von B-Zell-Lymphomen zum Einsatz kommen.

Die Erfolgsquote ist allerdings eher bescheiden: Nur etwa 36 % der Teilnehmer einer größeren Studie konnten vollständig geheilt werden. Vielleicht hält sich Gilead auch deshalb etwas mit dem Preis zurück, der aber immer noch stolze 373 000 US-Dollar beträgt. Der Markt ist dafür wesentlich größer als bei Kymriah - bis zu 7500 US-Patienten könnten jährlich mit Yescarta behandelt werden.

Erste Gentherapie gegen Erblindung vor Zulassung

BioPharmaDive

Das Urteil der 16 externen Experten war eindeutig: Die Gentherapie Luxturna hilft Patienten, die an einer erblichen Form der Erblindung leiden. Damit stehen die Chancen sehr gut, dass die US-Behörde FDA der Therapie eine Zulassung für den amerikanischen Markt erteilt. Die endgültige Entscheidung wird Mitte Januar erwartet.

Hersteller ist die Firma Spark Therapeutics. Sie entwickelte einen AAV-Vektor, der einen Defekt in dem Gen RPE65 ausgleicht. Die Betroffenen leiden unter fortschreitendem Verlust der Sehfähigkeit, der im frühen Kindesalter beginnt und meist zu vollständiger Erblindung führt. In einer Studie mit 29 Teilnehmern konnte Luxturna die Sehfähigkeit in fast allen Fällen spürbar verbessern. Fraglich ist jedoch, wie lange die Wirkung anhält: Belastbare Daten liegen nur für einen Zeitraum von einem Jahr vor.

Medienspiegel

500 000 US-Dollar - und trotzdem ein Schnäppchen?

MIT Technology Review

Die Zulassung von Kymriah und Yescarta (s. o.) verleihen einem brisanten Thema neue Aktualität - den enormen Kosten der Gentherapien. Beträge von bis zu einer Millionen Euro werden unserem Gesundheitssystem schwere Belastungen aufbürden. Eine Analyse von Emily Mullins zeigt, dass Gentherapien langfristig dennoch Geld sparen helfen: Viele konventionelle Therapien - etwa bei Störungen der Blutbildung oder Krebs - können sich über die Jahre auf ein Vielfaches dieser Summen aufaddieren.