Bei welchem Krebs helfen CAR-T-Zellen?

     

CAR-T-Zellen verlängern das Leben todkranker Patienten - bislang allerdings nur bei seltenen Formen von Blut- und Lymphdrüsenkrebs.

Die Krebstherapie hat eine neue Waffe: Ein künstlicher Rezeptor - der chimeric antigen receptor oder CAR - ermöglicht es den T-Zellen des Immunsystems, Krebs sicher zu erkennen und zielgenau zu bekämpfen. Und obwohl die Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckt, wecken diese CAR-T-Zellen bereits große Hoffnungen.

Doch Krebs-Patienten in den USA werden sich noch einige Zeit gedulden müssen. Zwar wurde in den USA im August 2017 die erste CAR-T-Zelltherapie zugelassen, doch bis zur Einführung in Europa wird es noch etwas dauern. Zudem hilft die Therapie nur bei eher seltenen Krebsformen des blutbildenden Systems. Um den Hoffnungen gerecht zu werden, müssten CAR-T-Zellen auch Krebs in festen Geweben wie Brust, Haut und Leber bekämpfen. Doch die Anwendung bei diesen sogenannten soliden Tumoren ist deutlich schwieriger, und Forscher müssen dazu noch große Herausforderungen meistern.

Lymphome und Leukämien

Erste Erfolge bei Lymphdrüsenkrebs

Ihr Potenzial deuteten die CAR-T-Zellen bereits im Jahr 2009 an. Zu den ersten Patienten gehörte ein US-Amerikaner, der bereits seit vielen Jahren mit einer Form von Lymphdrüsenkrebs (einem Follikulären Lymphom) zu kämpfen hatte1. Als die gängigen Therapien ihre Wirkung verloren, stellte sich der todkranke Mann für ein Experiment zu Verfügung: Der Forscher Steven Rosenberg aus Washington wollte die sogenannte zweite Generation des künstlichen Rezeptors CAR in der Praxis testen (die erste Generation hatte sich zuvor als unwirksam erwiesen). Der Versuch verlief erfolgreich, zumindest teilweise: Die CAR-T-Zellen drängten den Krebs fast vollständig zurück - allerdings nur für 32 Wochen, dann kehrte der Krebs wieder zurück.

Doch der Grundstein war gelegt, auf dem die weitere Entwicklung der Therapie aufbauen konnte. In den folgenden Jahren konzentrierten sich die Studien auf Patienten mit Non-Hodgkin-Lymphomen (NHL), und das US-Pharmaunternehmen Kite übernahm einen Teil der klinischen Studien. Die größte davon nähert sich nun ihrem Ende - mit vielversprechenden Zwischendaten2.

Kite hat insgesamt 101 NHL-Patienten behandelt, bei denen Standardtherapien wirkungslos geworden sind. Bei gut einem Drittel der Patienten wurde die Lymphome nach sechs Monaten vollständig zurückgedrängt, die mittlere Überlebensdauer wird wohl 9 Monate überschreiten. Auch wenn nur ein Teil der Patienten profitiert, ist dies ein großer Fortschritt: Bei konventionellen Therapien liegt die Überlebensdauer bei 6,6 Monaten, und nur einer von zwölf Patienten kann (zumindest zeitweise) vom Krebs befreit werden. Das Ergebnis war so überzeugend, dass die Therapie im Oktober 2017 unter dem Namen Yescarta die Zulassung für den US-amerikanischen Markt erhielt.

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Beeindruckende Ergebnisse bei B-Zell-Leukämien

Eine zweite Gruppe von Studien konzentriert sich auf eine andere Form von Krebs - die akute lymphatische Leukämie vom B-Zell-Typ (B-ALL)3. Die ersten Fallberichte hatte der Forscher Carl June aus Philadelphia hatte im Jahr 2013 veröffentlicht4: Er behandelte zwei Kinder mit B-ALL, denen die Ärzte mit konventionellen Methoden nicht mehr helfen konnten. CAR-T-Zellen konnten bei einem der Kinder den Blutkrebs vollständig zurückdrängen, und das über einen Zeitraum von mindestens elf Monaten.

Später verfestige sich der Eindruck, dass CAR-T-Zellen bei B-ALL deutlich wirksamer sind als bei NHL. Der Pharmakonzern Novartis veröffentliche jüngst eine Studie5 mit 50 Kindern, die auf konventionelle Therapien nicht mehr ansprachen. Bei 41 drängten die CAR-T-Zellen den Krebs innerhalb von drei Monaten vollständig zurück, und was noch wichtiger war: Selbst mit den empfindlichsten Nachweismethoden konnten keinerlei Spuren der Krankheit mehr entdeckt werden. In der Regel ist dies ein Zeichen, dass gute Chancen auf vollständige Heilung bestehen. In den USA ist diese Therapie nun offiziell zugelassen6, Novartis wird sie unter dem Namen Kymriah demnächst auf den Markt bringen.

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Und was in der beginnenden Euphorie oft vergessen wird: Weniger als einer von hundert Krebspatienten kann nach heutigem Stand mit CAR-T-Zellen behandelt werden. Jährlich treten in Deutschland etwa 500 000 neue Krebsfälle auf, aber nur wenige Tausend betreffen Patienten mit NHL und B-ALL. Und selbst diese können meist mit konventionellen Methoden geheilt werden. Zwar arbeiten Forscher schon an einer Anwendung bei anderen Formen von Lymphomen wie Mantelzell-Lymphomen oder Multiplen Myelom, doch auch hierbei handelt es sich um eher seltene Erkrankungen.

Es ist wahrscheinlich, dass CAR-T-Zellen schon bald auch in Europa ihren Einzug in die Krebskliniken feiern können. Doch der Fortschritt wird erst einmal klein und auf wenige Patienten beschränkt bleiben. Und zwei große Hürden bleiben: Die Therapie hat schwere Nebenwirkungen, und die Behandlung von den weitaus häufigeren soliden Tumoren ist bis jetzt noch Utopie. Das wahre Potenzial der CAR-T-Zellen wird sich erst in einigen Jahren zeigen.

1 Kochenderfer et al., Eradication of B-lineage cells and regression of lymphoma in a patient treated with autologous T cells genetically engineered to recognize CD19, Blood November 2010 (link)
2 Pressemitteilung Kite Pharma, Kite Announces Positive Topline Primary Results of Axicabtagene Ciloleucel from First Pivotal CAR-T Trial in Patients with Aggressive Non-Hodgkin Lymphoma, Februar 2017 (link)
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CAR-T-Zellen: zwei Therapien zugelassen

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Lymphome und Leukämien

CAR-T-Zellen werden auf absehbare Zeit nur bei seltenen Krebsarten helfen können. Und selbst da nur in Fällen, in denen konventionelle Therapie versagen.
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Kurz und knapp 

  • CAR-T-Zellen helfen bislang nur bei Krebs des blutbildenden Systems
  • die US-Firma Kite will noch dieses Jahr die Zulassung für Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) in den USA beantragen
  • der Konzern Novartis will in den USA und Europa eine Zulassung für eine akute lymphatische Leukämie der B-Zellen (B-ALL) beantragen
  • weitere Studien beschäftigen sich mit Mantelzell-Lymphomen und Multiplen Myelomen