Personalisierte Medizin: Therapie erst nach Genom-Analyse?

     

Der Arzt tippt die Diagnose in den Computer ein. Eine Software - gefüttert mit jüngsten Forschungsergebnissen - vergleicht mögliche Medikamente mit dem Genom des Patienten. Das Ergebnis: Medikament A ist unwirksam, B wird schwere Nebenwirkungen auslösen, aber C sollte schnell und sicher wirken.

Der Arzt, per Mausklick auf den neuesten Stand des Wissens gebracht, verordnet die denkbar beste Therapie. So könnte die Zukunft aussehen - falls die personalisierte Medizin den Durchbruch schafft.

Personalisierte Medizin

Die personalisierte Medizin nutzt das Genom für verbesserte Therapien
Medizin der Zukunft? Die personalisierte Medizin ermöglicht eine maßgeschneiderte Behandlung.

Im optimalen Fall ist die personalisierte Medizin das Ende der Standard-Therapie: Gen-Daten werden genutzt, um jedem Patienten eine maßgeschneiderte Behandlung anzubieten. Möglich wird dies, weil die Kosten für Genom-Analysen dramatisch fallen - einfache Gentests sind kaum noch teurer als eine Zahnkrone.

Gene und Medikamente

Krebstherapie und Pharmakogenetik - hier wird die personalisierte Medizin bereits in Ansätzen verwirklicht. Das Genom von Krebszellen liefert Hinweise darauf, wie aggressiv sich der Tumor verhalten wird und wo mögliche Angriffspunkte liegen. Und die Pharmakogenetik erforscht das Zusammenspiel von Genen und Medikamenten: Ihre Erkenntnisse fließen vermehrt in die tägliche Praxis ein.

Abacavir ist das erste Medikament, bei dem deutsche Behörden zwingend einen Gentest vorschreiben1. Das Mittel verhindert die Vermehrung des AIDS-Virus, löst aber in 6 % der Fälle schwere, zum Teil lebensbedrohliche Unverträglichkeits-Reaktionen aus. Der Vorab-Gentest identifiziert Patienten, die am meisten gefährdet sind; er erhöht nicht nur die Verträglichkeit des Medikaments, sondern zur Freude des Herstellers auch dessen Absatz.

Ein Trend scheint sich zu etablieren: Pharma-Konzerne entwickeln gleichzeitig neue Medikamente und die dazu passenden Gentests. Und auch die akademische Forschung reagiert. Die renommierte Vanderbilt-Universität in Nashville (USA) baut eine Datenbank auf, die den systematischen Vergleich von Genom- und Krankheitsdaten erlaubt2. Andere Universitäten starten Testphasen, in denen die Genomsequenzierung Teil der klinischen Diagnose wird3.

Zielgenauer Angriff

Amerikanische Kliniken sind auch Vorreiter bei maßge­schneiderten Krebstherapien. Ihr Fokus liegt nicht auf dem Genom des Patienten, sondern auf dem des Tumors. Es verrät seine Schwachstellen - und erlaubt den Einsatz von Wirkstoffen, die genau dort ansetzen. Das Medikament Herceptin etwa schaltet einen Wachstumsfaktor aus, der nur in etwa 25 % aller Brustkrebs-Fälle aktiviert ist. Andere Gen-Marker verraten, wie sich der Krebs entwickeln wird: Welcher Patient benötigt eine Chemotherapie, und wem sollte man diese aggressive Behandlung ersparen? Mit Hilfe der Genom-Analyse kann der Angriff auf den Tumor zielgenau und wohldosiert erfolgen (mehr hier).

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Die personalisierte Medizin setzt voraus, dass sensible Daten - das eigene Genom - möglichst einfach zugänglich sind, am besten als Teil einer Patienten-Akte. Das wirft Fragen: Wer darf wann auf Gen-Daten zurückgreifen? Wie verhindert man Missbrauch? Denn diese Daten sind auch für die Kranken- und Lebensversicherungen interessant. Sie wollen kalkulieren, welcher Kunde wieviel Leistungen in Anspruch nehmen wird, und wie lange wird er leben. Auch Arbeitgeber sparen Kosten, wenn sie nur kerngesunde Bewerber einstellen.

Noch ist man allerdings weit davon entfernt, aus dem Genom auf spätere Krankheiten zu schließen. Doch das allein ist kein Schutz: Manche Versicherungen werden trotzdem versuchen, diese Daten zu nutzen - wie zweifelhaft der Erfolg auch sein mag. Bislang haben nur die USA Gesetze erlassen, die den Umgang mit Genom-Daten regeln.

Eines ist sicher: Die personalisierte Medizin wird kommen, in welcher Form auch immer. Denn die Vorteile liegen auf der Hand: der Arzt erhält neue Diagnose- und Therapie­möglich­keiten, dem Patient bleibt manche Komplikation erspart. Weniger Fehlbehandlungen könnten die Kosten senken, den Pharmafirmen erschließen sich neue Märkte.

Die Pharma-Industrie bereitet sich schon darauf vor, sie investiert viel Geld in die Entwicklung von Gentests. Und eine führende US-amerikanische Universität, Johns Hopkins in Baltimore, baut das gesamte Medizin-Studium um4: Studenten sollen früher und gründlicher denn je in die Auswertung von Genom-Daten eingewiesen werden.

Wird die personalisierte Medizin die Therapie grundlegend revolutionieren - oder nur einer kleine Zahl von Patienten helfen? Vor 2020 wird man kaum beurteilen können, wie berechtigt die gegenwärtige Aufbruchstimmung ist5. Denn die Wissenschaft wird noch Jahre brauchen, um den Zusammenhang von Genom und Krankheiten halbwegs zu verstehen.

1 Deutsches Ärzteblatt, Gentest vor Abacavir-Verordnung: HLA-B*5701 als Kontraindikation, 10. März 2008 (link)
2 Vanderbilt Pharmacogenomics (link)
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Personalisierte Medizin

Die personalisierte Medizin nutzt das Genom für verbesserte Therapien
Medizin der Zukunft? Die personalisierte Medizin ermöglicht eine maßgeschneiderte Behandlung - vor allem bei Pharmakogenetik und Tumortherapie.
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Kurz und knapp 

  • die personalisierte Medizin will Genom-Analysen nutzen, um maßgeschneiderte Therapien zu ermöglichen
  • die Pharmakogenetik berücksichtigt den Einfluss des Genoms auf die Wirkung von Medikamenten
  • neue Formen der Tumortherapie analysieren Genmutationen in Krebszellen und ermöglichen eine zielgenaue Behandlung
  • die personalisierte Medizin ist in begrenztem Maße bereits Wirklichkeit; wie groß ihr Einfluss werden wird, ist noch nicht absehbar