Gentest-Anbieter: Analyse
des Erbguts per Internet

In Kürze
220 US-Dollar kostet der Eintritt in das genetische Zeitalter - scheinbar wenig Geld, um die Geheimnisse des eigenen Erbguts zu lüften. Der Aufwand ist minimal: Etwas Speichel in ein Röhrchen füllen, per Post an ein Labor senden und bald schon wird man über seine genetischen Anlagen informiert. Bequem übers Internet und garantiert auf dem neuesten Stand der Forschung. Und die Werbung verspricht, dass die eigene Gesundheits-Vorsorge mächtig davon profitiert.
Einfache Gentests bestimmen angeborene Risikofaktoren.
Die Leistungen führender Gentest-Anbieter - 23andMe, deCODE und Navigenics - ähneln sich stark. Man erhält Hinweise über mögliche Veranlagung für Parkinson, Diabetes und Herzinfarkt - und über die eigene Augenfarbe und die Konsistenz des Ohrenschmalzes. Das erblich bedingte
Krebsrisiko wird abgeschätzt, und seit neuestem kann man auch erfahren, wie das eigene Genom die Wirkung von Medikamenten beeinflusst. Es wird ermittelt, in welchem Land die Vorfahren gelebt haben könnten, und schließlich ist sogar eine Suche nach entfernten Verwandten möglich.

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In Kürze

  • die Firmen 23andMe und deCODE bieten Gentests frei verkäuflich über das Internet an
  • analysiert werden erbliche Krankheitsrisiken, Reaktion auf Medikamente und die Herkunft der Vorfahren
  • die Kosten bleiben moderat, aber Experten zweifeln am Nutzen der Gentests
Die Analyse beruht auf Eigenheiten der Genomsequenz, single nucleotide polymorphisms (SNPs) genannt. Diese Marker wurden in großen medizinischen Assoziationsstudien mit verschiedenen Krankheiten in Verbindung gebracht, so dass begrenzte Aussagen über das persönliche Erkrankungs­risiko möglich sind. Eine vollständige Sequenzierung des Genoms wird nicht angeboten: Die wäre nicht so billig zu haben und bietet auch momentan wenig zusätzliche Information.
Einer der ersten Anbieter für frei verkäufliche Gentests ist die kalifornische Firma 23andMe. Für 99 US$ werden 204 genetische Eigenschaften und Krankheitsrisiken bestimmt - aber nur, wenn man ein Jahres-Abo für monatliche Gesundheits-Updates mitbucht (womit sich die Kosten verdoppeln). Die Beratung durch einen Arzt ist dabei nicht eingeschlossen.
Die isländische Firma deCODE stand 2009 knapp vor dem Bankrott und hat darauf ihr Geschäftsmodell grundlegend geändert. Die Gentest-Sparte analysiert jetzt weniger Eigenschaften (47 an der Zahl), verlangt dafür aber mehr Geld: Mindestens 1100 US-Dollar schlagen zu Buche. Auch hier wird man dann mit den genetischen Informationen weitgehend allein gelassen.
Einen anderen Weg hat mittlerweile die amerikanische Firma Navigenics eingeschlagen. Anfangs vertrieb man die Gentests, ähnlich wie die beiden Konkurrenten, noch frei über das Internet. Doch seit kurzem muss man sich an ausgewählte Ärzte wenden, die den Test veranlassen und vermutlich auch erklären. Dieser Service ist jedoch auf die USA und Kanada begrenzt, in Europa bietet die Firma keine Gentests mehr an.
Bemerkensw­ert ist die Nähe dieser kleinen Firmen zu prominenten Software- und Internetgiganten. Navigenics arbeitet mit Microsoft zusam­men: In einem Pilotprojekt werden 10 000 Mitarbeiter eines großen Forschungsinstituts genetisch analysiert. Navigenics wertet die Daten aus und Microsoft speichert sie in seiner neuen Plattform 'HealthVault'.
Und eine Mitgründerin von 23andMe ist verheiratet mit einem Mitgründer von Google - so überrascht es nicht, dass ein guter Teil des Startkapitals von Google stammte. Die Suchfirma wollte wohl auch ihr Projekt 'Google Health' damit fördern. Dieses erwies sich aber wohl als Flop und wird zum Januar 2012 wieder eingestellt.
Als Flop könnten sich auch die frei verkäuflichen Gentests erweisen. Auch wenn sie in den Medien ein beträchtliches Echo gefunden haben, bleibt ihr Nutzen unklar - führende Experten ihn stufen als begrenzt bis fragwürdig ein1,2. Wer seine Gesundheits-Vorsorge verbessern möchte, sollte sein Geld lieber woanders investieren.
1 Janssens et al., A Critical Appraisal of the Scientific Basis of Commercial Genomic Profiles..., Am.J.Hum.Genet. (2008), vol. 82 pp. 593-9 (link)
2 Heshka et al., A systematic review of perceived risks, psychological and behavioral impacts of genetic testing, Genet.Med. (2008), vol. 10 pp. 19-32 (link)
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