Gentest via Internet: ein gescheitertes Konzept?

     

Biotech-Firmen analysieren die Erbinformation für private Kunden - ursprünglich, um Krankheiten gezielt vorzubeugen. Doch damit war kein Geld zu verdienen.

Gene können ein Risiko darstellen: Fast alle Krankheiten werden vom Erbgut beeinflusst, manche sogar ganz erheblich. Wer also seine Erbinformation entziffern lässt, erfährt viel über seine Krankheitsrisiken - und kann frühzeitig Vorsorge betreiben. Zumindest in der Theorie eine überzeugende Idee. Im Jahr 2006 glaubten innovative Biotech-Firmen, dass dies auch ein lukrativer Markt sein könnte: Sie entwickelten neue Gentests, die sie direkt an den Konsumenten verkauften.

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Laut Werbeversprechen hatte damit jeder die Möglichkeit, seine Gesundheits-Vorsorge in die eigenen Hände zu nehmen. Doch dieses Versprechen wartet bis heute darauf, eingelöst zu werden. Und als Geschäfts­modell taugte es schon gar nicht: Von den einstmaligen Gentest-Pionieren hat sich nur einer auf dem Markt gehalten, und der musste auf andere Einnahmequellen ausweichen.

Drei Gentest-Anbieter mit ähnlichen Leistungen

Anfangs gab es viele Gentest-Anbietern, doch drei stachen aufgrund ihrer großen Reichweite und des umfassenden Angebots hervor: 23andMe und Navigenics aus den USA sowie deCODE aus Island. Ihre sogenannten direct-to-consumer (DTC)-Tests wendeten sich direkt an den Kunden, ohne dass ein Arzt als Vermittler notwendig war.

Die Handhabung der DTC-Gentests war denkbar einfach: Der Kunde erwarb einen Behälter, den er mit einer Speichelprobe füllte und direkt an die Firma sendete. Diese analysierte die Probe und stellte die Ergebnisse auf einem Online-Portal zur Verfügung. Dazu gab es eine automatisierte Auswertung, die das persönliche Krankheitsrisiko grob abschätzte.

Das Angebot der drei Gentest-Anbieter ähnelte sich stark: Der Kunde erhielt Hinweise über mögliche Veranlagung für Parkinson, Diabetes und Herzinfarkt - und über die eigene Augenfarbe und die Konsistenz des Ohrenschmalzes. Das erblich bedingte Krebsrisiko wurde abgeschätzt, und man konnte auch erfahren, wie das eigene Genom die Wirkung von Medikamenten beeinflusst. Die Kosten waren anfangs noch beträchtlich - bis zu 2000 Euro mussten Kunden in einen Gentest investieren.

Kein erfolgreiches Geschäftsmodell

Doch Gewinne warf dies offenkundig nicht ab: Navigenics stellte erst sein Geschäft mit Privatkunden ein, später dann auch das mit ärztlichen Organisationen. Die Firma wurde von dem großen Biotech-Unternehmen Life Technologies geschluckt und hat bald darauf seine Datenbanken endgültig gelöscht. Und deCODE wurde - nach einigem Auf und Ab - von dem Pharmariesen Amgen übernommen und spezialisiert sich seitdem auf die Grundlagen-Forschung.

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23andMe ist als einzige von diesen Firmen noch übrig. Sie senkte den Preis des Gentests auf 99 US-Dollar und lockte durch massive Werbung hundert­tausende Käufer an. Ihren Kunden entlockte sie dabei medizinische Details und auch die Einwilligung, persönliche Daten für die Forschung freizugeben. Ein kluger Schachzug, wie sich bald herausstellen sollte.

Doch zuvor rief dieses Geschäftsgebahren erst einmal die amerikanische Gesundheitsbehörde auf den Plan. Über Jahre hinweg fordert die FDA den Nachweis, dass die Gentests den hohen Anforderungen an Gesundheits-Produkte genügen. Diesen Nachweis wollte - oder konnte - 23andMe jedoch nicht erbringen. Im November 2013 war die Geduld der Behörde am Ende: Seitdem darf 23andMe keine gesundheitsrelevanten Informationen mehr weitergeben - ihr Angebot ist auf die Analyse der genetischen Abstammung beschränkt.

Ein Hintertürchen für die Analyse

Doch auch für die Gesundheits-Vorsorge hat die Firma ein Hintertürchen offen gelassen: Die Rohdaten der Erbgut-Analyse werden dem Kunden mitgeliefert. Darin findet sich die Auflistung von Eigenheiten der Genom­sequenz, single nucleotide polymorphisms (SNPs) genannt. Diese Marker wurden in großen medizinischen Assoziationsstudien mit Krankheiten in Verbindung gebracht, begrenzte Aussagen über das persönliche Krankheitsrisiko sind also weiter möglich.

Mit den Rohdaten des Erbguts kann der Kunde allerdings wenig anfangen. Doch im Internet finden sich eine Reihe von günstigen Diensten, die diese Rohdaten analysieren und die eigenen genetischen Risikofaktoren auflisten1. Jedoch erfordert die Interpretation dieser Listen meist ein großes Vorwissen - diese Option bleibt daher wohl eher Fachleuten vorbehalten.

In Deutschland ist die Situation komplizierter. Wer über das Internet geht, bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone - Gentests, die direkt dem Kunden angeboten werden, sind eigentlich gesetzlich verboten. Nur ein Arzt darf Gentests anordnen, und ein Arzt muss auch dem Patienten die Ergebnisse verständlich machen.

Die deutsche Gentest-Firma CoPAG schien hier einen Ausweg gefunden zu haben - sie bot ihre Dienste nur über sogenannte "Berater" an. Das Angebot konzentrierte sich auf die genetische Untersuchung des Stoffwechsels, um die eigene Gesundheit und Fitness zu verbessern. Experten betrachten derartige Angebote mit großer Skepsis, und auch die Kunden waren offenkundig nicht überzeugt: CoPAG verschwand bald wieder von der Bildfläche.

Pharmaindustrie als neue Geldquelle

Die Firma 23andMe jedoch beweist weiterhin Pioniergeist: Sie hat sich eine Geldquelle erschlossen, die ihr eigenes Überleben für einige Zeit sichern könnte. Ihre Gentests hatte sie in den letzten Jahren wohl mit Verlust angeboten, um genügend Kunden zu gewinnen. Nun verfügt sie über eine Datenbank mit den Erbinformationen von 800 000 Kunden, oftmals kombiniert mit Angaben über die persönliche Gesundheit. Diese Daten stellt 23andMe nun der Pharmabranche zur Verfügung - gegen Gebühren in zweistelliger Millionenhöhe. Kürzlich begann man sogar damit, eine eigene Forschungsabteilung aufzubauen.

Die Konzept hingegen, Gentests direkt an den Kunden zu verkaufen, scheint weitgehend gescheitert zu sein. Die Pioniere der Branche, mit großen Ambitionen für die Gesundheits-Vorsorge gestartet, haben entweder aufgegeben oder das Geschäftsmodell gewechselt. Viele Nachfolger haben sich in Nischen zurückgezogen, die sich auf Analysen der Abstammung oder des Stoffwechsels beschränken. Die Zukunft verspricht da wenig Besserung: Dank sinkender Kosten könnten Genom-Sequenzierungen bald Teil der alltäglichen Medizin werden. Spätestens dann werden die Dienste der Gentest-Anbieter endgültig überflüssig.

Teil 1/3: Gentest - DNA-Analyse verändert die Medizin
Teil 2/3: Was nützt das Wissen?
Teil 3/3: Anbieter von Gentests - Analyse per Internet
1 A.Relegado, How a Wiki Is Keeping Direct-to-Consumer Genetics Alive, MIT Technology Review, Oktober 2014 (link)

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Einfacher geht es nicht: Eine Speichelprobe an einen Gentest-Anbieter senden und die Ergebnisse im Internet abfragen.

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Kurz und knapp 

  • ab dem Jahr 2006 drängten Firmen auf den Markt, die Gentests über das Internet vertrieben
  • die Marktführer waren 23andMe, deCODE und Navigenics
  • die Gentests analysierten dutzende von erblichen Risikofaktoren für Krankheiten
  • heute ist nur noch 23andMe aktiv, muss sich allerdings momentan auf die Analyse der genetischen Abstammung beschränken
  • 23andMe hat begonnen, die Kundendaten aus den Gentests der Pharmabranche zu Verfügung zu stellen