deCODE und das Genom einer Nation
- Eine kleine Biotech-Firma kauft die Erbinformation aller Isländer und geht bankrott - der Ehrgeiz war groß und das Risiko leider auch. Dabei war es eigentlich eine geniale Idee: Isländer leben seit langem abgeschieden vom Rest der Welt, ihr Erbgut blieb abgeschottet von äußeren Einflüssen - ideale Voraussetzungen, um die genetischen Ursachen von Krankheiten zu erforschen. Und ein Krankheitsgen weist vielleicht die Richtung zu einem neuen Medikament, das - so die Hoffnung - teuer und mit viel Gewinn verkauft wird.
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Die Abgeschiedenheit von Island lockt Touristen an - und Genetiker. (Bild: J. Descloitres/NASA
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- Leider war der Weg vom Gen zum Medikament steiniger als gedacht, und als dann in Folge der großen Bankenkrise das Geld knapp wurde, stand die Firma vor dem Ende. Doch noch ist ein Happy End möglich: Amerikanische Investoren trieben 14 Millionen Dollar auf und halten den Betrieb aufrecht - vorerst.
- Island ist quasi der Wunschtraum eines Genetikers: Etwa im Jahr 900 besiedelten Wikinger und Kelten die Insel, seitdem blieb man weitgehend unter sich. Seuchen und Hungersnöte haben die Bevölkerung - und damit auch die Vielfalt des Erbguts - immer wieder dezimiert. Jeder ist irgendwie mit jedem verwandt, und Stammbäume sind ein nationales Hobby; Familiengeschichten können oft über viele Jahrhunderte zurückverfolgt werden. Und seit 1915 werden auch noch alle Krankenakten gesammelt.
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- Stabiles Erbgut, geklärte Verwandschaftsverhältnisse, gut dokumentierte Krankheiten - besser geht es kaum, wenn man den Zusammenhang zwischen Genen und Krankheit aufdecken will. Dies erkannte auch Kari Stefansson, damals angesehener Professor in Boston, und so gründete er 1996 die Firma deCODE Genetics. Zwei Jahre später wurden deCODE alle isländischen Patientenakten per Gesetz - der damalige Ministerpräsident war ein Schulkamerad von Stefansson - zur Verfügung gestellt1. Das Gesetz wurde zwar später vom höchsten Gericht wieder einkassiert, aber das Projekt blieb populär: 140 000 Isländern stellten Blutproben und Daten freiwillig zur Verfügung - fast 50 % der Bevölkerung.
- Rein wissenschaftlich war es ein gewaltiger Erfolg: deCODE entdeckte eine Vielzahl von Krankheitsmarkern und veröffentlichte eine beeindruckende Zahl von hochrangigen Fachpublikationen2. Auch finanziell verliefen die ersten Jahre vielversprechend. Der Pharmariese Hoffmann-LaRoche investierte 200 Millionen Dollar, und man brachte als eine der ersten Firmen einen persönlichen Gentest auf den Markt.
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- Doch die Entwicklung von neuen Medikamenten - eigentlich als Hauptstandbein der Firma gedacht - war von Rückschlägen geplagt. Mehrere klinische Studien wurden abgebrochen, da die Medikamente die Hoffnungen nicht erfüllten. Ein Krankheitsmarker macht noch keine Therapie: Diese Erfahrung mussten neben deCODE auch noch andere Firmen machen.
- Im November 2009 war deCODE gezwungen, Insolvenz anzumelden. Aber bereits im Januar 2010 wurde die Firma mit Hilfe von amerikanischem Risikokapital wieder auf die Beine gestellt. Damit verbunden waren einschneidende Veränderungen: Neben Stefansson wurde ein neuer Firmenchef installiert, die Medikamenten-Entwicklung wurde eingestellt, und der Schwerpunkt liegt jetzt auf der Entwicklung von Diagnostika.
- Doch der Ehrgeiz von Kari Stefansson ist dadurch nicht kleiner geworden: Nicht mehr einzelne Krankheitsmarker, gleich das ganze Genom soll jetzt sequenziert werden - und zwar von 2500 Isländern3. Damit man noch genauer auf noch seltenere Krankheitsmarker schauen kann. Bis Mitte 2011 will er damit fertig werden, denn allzuviel Zeit hat er nicht - Risikokapital ist notorisch ungeduldig.
- Also erneut ein Spiel mit hohem Einsatz. Denn niemand kann mit Sicherheit sagen, dass diese seltenen Krankheitsmarker wirklich von Bedeutung sind. Und ob man im Erfolgsfall damit Geld verdienen kann. In spätestens fünf Jahren wird abgerechnet, und sollte deCODE dann nicht in der Gewinnzone gelandet sein, kann man mit dem endgültige Ende eines der ambitioniertesten Biotechnologie-Projekte rechnen.
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1 Peep-Show im Wikingerreich, Der Spiegel 1998 (link)
2 J. Kaiser, Cash-Starved deCODE Is Looking For a Rescuer for Its Biobank, Science 2009, vol. 325, pp.1054 (link)
3 J. Kaiser, Bankruptcy Won't Stop deCODE, Says Its Founder, Stefánsson, Science 2009, vol. 326, pp. 1172 (link)
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